Ausgabe 1/2014

Bücherschau »Butterbrot mit grobem Salz«

Nach über 50 Jahren ins Deutsche übersetzt, ist der Roman »Stoner« (1965) vom in Europa bis dato wenig bekannten John Williams (1922-1994) als Neuentdeckung der letzten Jahreshälfte gefeiert worden. Ob sich das Lesen lohnt?
Von Niklas Ettwig



Diejenigen Leser, die sich nach dem Klappentext (und zugegebenermaßen nach dem Inhaltsabriss) auf eine kitschige Ü40/Midwest-Variation vom »Fänger im Roggen« einstellen, werden im ersten Kapitel zunächst bestätigt: Stoner werde es nicht weiter bringen, heißt es da unheilverkündend, »als bis zum Assistenzprofessor, und nur wenige Studenten, die an seinen Kursen teilnahmen, erinnern sich überhaupt mit einiger Deutlichkeit an ihn. Als er starb, spendeten seine Kollegen der Universitätsbibliothek ein mittelalterliches Manuskript.« »Aha«, denkt man sich maximal und versucht erfolglos, ein Gähnen zu unterdrücken. Was aber überraschenderweise auf die ersten zehn Seiten folgt, ist weder ein mittelalterliches Manuskript, noch ein verstaubter academic novel, vielmehr das exakte Gegenteil der zunächst erzeugten Lesererwartung: Ein im besten Sinne ausformuliertes Plädoyer für diejenige amerikanische Literatur. Sozusagen anstelle von Molekularküche ein schlichtes Krustenbrot mit frischer Butter und Grobsalz. Herrlich!

Seit der Abwendung vom ländlich-religiösen Elternhaus ist Stoner metaphysischer Asylant. In seiner emotionalen Intelligenz bleibt er merklich zurück, unbeweglich und kalt, beinahe unfähig zur Selbstreflexion. Die daraus resultierende Unsicherheit zerstört seine wenigen Momente innerer Ausgeglichenheit. Der psychologische Realismus im Erzählton fördert dabei die eindrücklichsten Episoden des Romans zutage. Zufrieden über seine Beziehung zu Katherine wirft ihn zum Besipiel die kleinste Bemerkung seiner Frau über die tolerierte Affäre vollkommen aus der Bahn.

Nicht ganz unberechtigt die Frage, ob es sich hierbei tatsächlich um »Faulkner stripped of pomp« handelt, wie die Kritik meint. Jedenfalls lässt die klare Sprache pointiert und eindringlich den Seelenzustand der Figuren erlebbar werden. Die scheinbar simple Geschichte eines unspektakulären Akademikerlebens geprägt von Kompromissen und Enttäuschungen erwächst dabei zum Triumph der stoischen Schicksalsergebenheit, weil sich Stoner letztlich doch nicht durch seine wenigen intensiven sozialen Bindungen über seine jämmerliche Existenz täuschen lässt. Er bleibt sich in seiner Schlichtheit treu. Zum Ende seines Lebens mag er in einem lichten Moment die Kraft erkennen, die er aus der Akzeptanz der Vorherbestimmtheit seiner Existenz hätte ziehen können: »Ein Gefühl der eigenen Identität überkam ihn mit plötzlicher Kraft; er fühlte seine Macht. Er war er selbst, und er wusste, was er gewesen war.«

Sollte man die entscheidende Schwäche des Romans benennen, wäre es wohl eine narratologische (die je nach Geschmack eventuell doch gar keine ist): die sprachliche Nachvollziehung der stoischen Eintönigkeit von Stoners Sein. Trotz der eigentlich knappen literarischen Abhandlung eines ganzen Lebens wirkt Williams’ Schreibe nämlich streckenweise wie ein performativer Akt, als wolle uns der Erzähler das lähmende, spröde Leben der Titelfigur am eigenen Leserleib erfahren lassen. So liegt der Roman letzthin doch schwer im Magen, woran natürlich auch das trostlose Scheitern des titelgebenden Charakters nicht unwesentlich Anteil hat. Kurzum: Das Lesen nimmt teilweise mit. Wer aber die steinigen Passagen gemeinsam mit der Hauptfigur geht, dem sei versichert, dass er belohnt wird mit einer Sterbeszene von

Proustscher Eindringlichkeit, belohnt mit überhaupt schöner und präziser Prosa, belohnt mit einer tragischen Variation des amerikanischen Selfmademan-Mythos.

John Williams: »Stoner« Roman.
Aus dem Englischen von Bernhard Robbe Deutscher Taschenbuch Verlag, München
2013, 348 S., geb., 19,90 Euro