Ausgabe 2/2017

Liberales Denken »Medizinische Errungenschaft und die neue Angst vor dem Fortschritt«

Warum wir wieder über Impfungen diskutieren.
Von Benedikt Bente

Am 24. April 2015 veröffentlichte SPIEGEL Online einen Artikel zum akuten Wiederauftreten von Maserninfektionen im Berliner „Szeneviertel“ Prenzlauer Berg. Zu Wort kam eine junge Mutter, die nicht wisse

„was sie nun tun solle, was gefährlicher sei – die Impfung oder die Masern? Ihre Kinderärztin habe gesagt, es sei nicht schlimm, wenn das Kind die Masern durchmache.“

Die Autorin des Artikels zeichnet ein erschreckendes Bild: 15% der ABC-Schützen in diesem Berliner Bezirk seien nicht gegen Masern geimpft, es sei der schlimmste Ausbruch der Krankheit seit der Jahrtausendwende, von beinahe 600 Infektionen ist die Rede. Ein Kleinkind ist in Folge dessen an den Masern gestorben, was international für Entrüstung sorgte.

Die Frage, die sich dem Leser unweigerlich aufdrängt, liegt auf der Hand: Wie ist das möglich? Wie kann es sein, dass eine Krankheit, gegen die bereits 1963 ein Impfstoff erfolgreich eingesetzt wurde, und die im Jahr 2012 für 92,4% aller deutschen Kinder aufgrund von Initial- und Wiederholungsimpfungen zu 99%iger Wahrscheinlichkeit ungefährlich war, plötzlich in der Mitte der Bevölkerung eines der reichsten Länder der Erde – und nicht etwa, wie zu erwarten, in den ärmsten Gegenden der Welt – wieder auftritt?

Diese widersprüchlich erscheinende Entwicklung erreichte in den letzten Jahren immer neue Ausmaße. In Großbritannien ist immer wieder von Masernparties die Rede – Zusammentreffen von Eltern, die ihre Kinder bewusst und vermeintlich „kontrolliert“ den Masern aussetzen – eine Praxis, die aus den 1950er Jahren, aus der Zeit ohne flächendeckende Impfpraxis stammt. In den USA werden Kandidaten auf hohe politische Ämter nach ihrer Meinung zu Impfungen und den Risiken gefragt, und nicht wenige warnen vor den Risiken körperlicher und geistiger Behinderungen, die durch Impfungen hervorgerufen werden könnten.

Wie lässt sich eine derartige Entwicklung also begründen? Wieso kehren in den letzten Jahren nicht nur die Masern, sondern auch andere infektiöse Krankheiten in moderne Gesellschaften zurück? Und wie viel Wahrheit steckt hinter den Äußerungen derer, die sich öffentlich trotz aller wissenschaftlicher Evidenz gegen Impfungen stellen?

Impfungen – eine (un)erwartete Kontroverse im 21. Jahrhundert

Die wachsende Skepsis gegenüber Impfstoffen und ihrer Verabreichung, die Unsicherheit einer Immunisierung gegenüber ansteckenden Krankheiten, das fahrlässige InKauf-Nehmen der Gefahren einer Infektion, ja selbst die gänzlich unbegründeten Verlinkungen von Impfungen und dadurch hervorgerufenen Behinderungen – all diese Phänomene liegen in einer Vielzahl von Ursachen begründet. Drei davon werden im Folgenden besondere Beachtung geschenkt: a) einem generellen Stigma, mit dem die Thematik behaftet scheint, b) der Konzeption der sog. „Risikogruppen“ und ihrer Fehlinterpretation sowie c) dem Konflikt zwischen öffentlichem Zwang und persönlicher Freiheit.

Beim Thema Impfen ist das allgemein hin benutzte Vokabular eindeutig negativ belegt. Wir sprechen von „Antikörpern“, von „Abwehr“ und „Schutz“, im Englischen nennt man Impfungen „shots“, und die Begriffe  „Impfschmerz“ oder „Impfungsnarbe“ sind – wenn auch heutzutage die im tatsächlichen Auftreten verschwindend geringe Ausnahme – generationenübergreifend geläufig. Dieses sprachliche Stigma jedoch ist nichts Neues. Schon im 18. Jahrhundert finden sich in Großbritannien Hinweise auf den mysteriösen „Vaccination Vampire“, ein Geschöpf, mit dessen Hilfe die Behörden ungeimpfte Personen durch den Geruch ihres Blutes aufgespürt haben sollen. Dieses sprachliche Stigma bezieht sich jedoch nicht auf die Praxis des Impfens allein, sondern ebenso auf die dazu gehörigen Krankheiten und ihre „Besonderheiten“.

Zum Ende des 19. Jahrhunderts waren als Bezeichnung für eine dort grassierende Pockenepidemie in den USA Begriffe wie „Nigger Itch“, „Italian Itch“ oder „Mexican Bump“ geläufig. Die Kombination von Krankheitssymptomen mit Minderheitsgruppen ermöglichte es dem Rest der Gesellschaft nicht nur gegenüber Minderheiten, sondern auch gegenüber der Praxis des Impfens eine Grenze aufzubauen, die durch die Krankheit selbst markiert wurde. War man, bzw. die eigene Gesellschaftsschicht, nicht oder kaum von der Infektion betroffen, so konnte man davon ausgehen, dass Impfungen nur für gewisse Gruppen von Nöten waren und man sich diesen vermeintlich drastischen Maßnahmen – Tetanus-Infektionen als sekundäres Risiko von Impfungen waren zu dieser Zeit keine Seltenheit – nicht aussetzen musste. Heute wissen wir, dass die Unterschiede zwischengesellschaftlichen Gruppen und Schichten in der Anfälligkeit für infektiöse Krankheiten vor allem in unterschiedlichen Standards von Hygiene und der Versorgung mit sauberem Trinkwasser sowie einfachster medizinischer Versorgung begründet lagen. Damals jedoch wurde das Stigma zur praktischen Realität. Man begann von „Risikogruppen“ zu sprechen, legte für italienische und irische Einwanderer in die USA eine verpflichtende Pockenimpfung fest, Schwarze wurden unter der Androhung von Waffengewalt zum Impfen genötigt. So schützte sich die Restbevölkerung nicht nur vor der Krankheit, sondern auch vor der vermeintlich schädlichen und schmerzhaften Impfung.

Geblieben ist uns der negativ aufgeladene Begriff der „Risikogruppe“ bis heute. Man bezeichnet hier im Alltag der modernen Medizin vor allem gesundheitlich anfällige Mitmenachen wie Kleinkinder, Senioren oder Schwangere. So versucht man, die Mehrheit der Bevölkerung durch besonderen Schutz für Minderheiten zu schützen. Auch wenn wir uns von den Zwangspraktiken des 19. Jahrhunderts mittlerweile verabschiedet haben, eine Parallele lässt sich in den letzten Jahren immer deutlicher feststellen: Das „US Center for Disease Control“ (CDC) stellte in seinem Jahresbericht 2015 heraus, dass es vor allem die Kinder wohlhabender, weißer, verheirateter und privat versicherter Paare mit akademischem Hintergrund sind, die keinen Impfschutz aufweisen. Auch hier herrscht die Überzeugung vor, dass man sich und die eigenen Kinder keiner Impfung und ihrer vermeintlichen Risiken unterziehen müsse, da man ja durch die Immunität des Rests der Gesellschaft geschützt sei. Auf diese fälschliche Annahme werde ich zu einem späteren Zeitpunkt noch einmal eingehen.

Die vermeintliche letzte Kontroverse, die bei der Thematik des Impfschutzes eine Rolle spielt, ist zugleich die politischste: Zwang vs. persönliche Freiheit. Die Geschichte von Zwangsimpfungen ist so alt wie die Geschichte der Impfstoffe selbst.  Nicht nur in den USA, auch in Großbritannien des 19.und frühen 20. Jahrhunderts war die Verpflichtung der Arbeiterklasse zur Impfung, Geld- und Gefängnisstrafen für Eltern nichtgeimpfter Kinder, sowie eine öffentliche Diskriminierung von Ungeimpften gängige Praxis.

Heute ist die Frage nach verpflichtenden Impfungen eine oftmals politisch umstrittene, in der sich grundlegende Prinzipien und Rechte gegenüberstehen: Persönliche (Entscheidungs-)Freiheit, das eigene Wohlergehen und die Unversehrtheit des Körpers auf der einen, gesellschaftliche Ziele wie die Ausrottung infektiöser Krankheiten die öffentliche Gesundheit und die Entscheidungsgewalt öffentlicher Gesundheitsbehörden auf der anderen Seite. Auch wenn ein tatsächlicher Zwang zu bestimmten Impfungen in westlichen Gesellschaften momentan nicht besteht – und die Frage, ob ein solcher, selbst im Fall einer Epidemie, rechtlich überhaupt möglich wäre, bleibt nach wie vor ungeklärt – so wird das Thema „Impfpflicht“ gerne politisch instrumentalisiert. Australien beispielsweise beschloss im Jahr 2015 ein Gesetz, das Eltern von ungeimpften Kindern staatlich finanzierte Kinderbetreuung versagte. In den USA hingegen unterzeichneten über 100.000 Menschen im Jahr 2015 eine Petition an das Weiße Haus, von Gesetzen, die zu Impfungen verpflichteten, abzusehen.  Der fundamentale politische Konflikt zwischen Freiheit und Zwang wird auch auf diesem Feld ausgetragen, sei es mit rationalen Argumenten oder öffentlicher Panikmache.

Angst, Unwissenheit und Fehlinformation

Mag die moderne Debatte um Impfungen und ihre vermeintlichen Risiken auch in diversen grundlegenden Konflikten verwurzelt sein, ihr zu Tage-Treten äußerte sich medienwirksam auf einem gänzlich unwissenschaftlichen Weg. Impfungen würden – so eine weit verbreitete Meinung unter Impfgegnern vor allem in den USA – das Risiko für geistige Erkrankungen und nicht zuletzt.

Impfungen würden – so eine weit verbreitete Meinung unter Impfgegnern vor allem in den USA – das Risiko für geistige Erkrankungen und nicht zuletzt Autismus erhöhen. Schuld seien, so die allgemeine Ansicht unter Impfgegnern, durch Stoffe wie Quecksilber, Formaldehyde und chemische Adjuvantien wie Squalen verunreinigte Impfstoffe, die den Kindern verabreicht würden. Als Schuldige sind in dieser Diskussion sehr schnell oft die profitorientierten Pharmakonzerne ausgemacht, gegen die sich die Regierung nicht durchzusetzen vermöge, oder gleich gemeinsame Sache mit diesen mache – zum Schaden der Bevölkerung.

Populistische, ja geradezu verschwörungstheoretische Argumente wie diese sind in der heutigen modernen Öffentlichkeit wahrlich keine Seltenheit, verdienen in diesem Fall aber besondere Aufmerksamkeit, geht es doch schließlich um nicht weniger als die Gesundheit der (Welt-)Bevölkerung und die Gefahr ansteckender und oft tödlicher Krankheiten, die im Laufe der zivilisatorischen Entwicklung ja nahezu gebannt schien. Fünf Dinge gilt es grundsätzlich bei dem Umgang mit der Fehlinformation von Impfgegnern und bei der Diskussion über Impfungen und ihre Risiken zu beachten:

  1. Der Schutz anderer schützt auch das ungeimpfte Individuum – jedoch nur begrenzt. Die Rede ist hier vom sog. Prinzip der Herdenimmunität: Ist die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung gegen eine Krankheit immunisiert, so wird die Übertragung der Krankheit schwieriger und die Erkrankung aller, auch ungeimpfter Menschen unwahrscheinlicher. Das Risiko liegt hier jedoch im blinden Vertrauen auf die Mehrheit, denn je größer die Anzahl der Ungeimpften wird, desto größer ist auch das Infektionsrisiko. Den besten Schutz bietet – mit Abstand – die eigene Impfung. Zur Frage nach der öffentlichen Gesundheit selbst kommt eine weitere Gruppendynamik hinzu: Gesundheit und Wissenschaft sind eine zutiefst kollektive Erfahrung, wie man bei Ereignissen wie der SARS Epidemie in Asien oder der Vogelgrippe in Europa gesehen hat. Panikmache kann hier sehr schnell zum grundlegenden Problem werden. Umso wichtiger ist, dass nicht nur die (Mehrheit der) Bevölkerung geimpft, sondern auch von der Wirksamkeit und Richtigkeit von Impfungen überzeugt ist.
  2. Die Sicherheit von Impfstoffen ist gründlich untersucht und gewährleistet. Die Impfstoffe entwickelnden und produzierenden Ländern der Erde sind mit eindeutigen und qualitätssichernden Gesetzen und Richtlinien ausgestattet, die eine Sicherheit von Impfstoffen gewährleisten. In Kombination mit dem Forschungswettbewerb unter Pharmakonzernen ist somit sichergestellt, dass für die Allgemeingesundheit kein Risiko bei Impfungen besteht. Dies zu rechtfertigen ist aufgrund der Verteilung der Beweislast hier jedoch allzu oft schwierig: Es gibt keinen Test, der beweist, was Impfstoffe alles NICHT verursachen. Andererseits wurden bis zum heutigen Tage trotz unzähliger Anschuldigungen jedoch keine Beweise dafür gefunden, dass Impfstoffe jeglicher Art mit teilweise chronischen geistigen sowie körperlichen Erkrankungen wie Autismus, der Bell-Lähmung, Diabetes oder Asthma in Verbindung stehen.
  3. Impfstoffe gehören zu den herausragendsten und erfolgreichsten Erfindungen der Menschheitsgeschichte. Im Jahr 1979 erklärte die UNICEF das Pockenvirus „Variola“ offiziell für weltweit ausgerottet. Trotz einer geringen Zahl an Einzelfällen in den letzten mehr als 35 Jahren kann mit Recht behauptet werden, der Mensch habe eine der vormals größten Gefahren für seine Gesundheit und Existenz besiegt. Statistisch werden heute 86% aller Polio-, 64% der Keuchhusten- und 60% der Masernerkrankungen durch Impfungen verhindert. Allein durch Letztere konnten zwischen 2000 und 2013 rund 15 Millionen Todesfälle vermieden werden – ein weltweiter Rückgang um 75%. UNICEF schätzt, dass so jährlich acht Millionen Todesfälle bei Kindern vermieden werden. Noch immer, so der traurige Teil der Statistik, stirbt weltweit alle 20 Sekunden ein Kind an den Folgen einer Infektion, die durch eine Impfung hätte verhindert werden können.
  4. Krankheiten kennen keine Grenzen, Hautfarben oder Nationalitäten. Epidemien und weltweite Krankheitsausbrüche sind in den letzten Jahren zu einem Erfolgsgrant für Film- und Fernsehbranche geworden. Filme wie „Contagion“ oder „I am Legend“ spielten Millionensummen in die Kinokassen, im App-Spiel „Plague Inc.“ kann man den Virus selbst steuern, mit dem man die Erdbevölkerung letztendlich vernichten soll. Doch die Gefahr einer solchen Epidemie in der Realität ist nicht nur durch die eigenständige genetische Weiterentwicklung sogenannter „Superkeime“, die sich vermehrt gegenüber herkömmlichen Behandlungsmethoden wie beispielsweise Antibiotika resistent zeigen, sondern auch durch die Nachlässigkeit in der Bevölkerung der westlichen Welt und Scheindebatten um Dinge wie das Autismusrisiko in den letzten Jahren erheblich gestiegen. Wir wissen heute, dass Risikogruppen zwar aufgrund ihrer körperlichen Verfassung besonderen Schutzes bedürfen, jedoch keine Garantie für die Nichtinfektion der Restbevölkerung sind. Vorfälle wie die anfangs erwähnten Geschehnisse in Berlin sind noch Einzelfälle, aber wir sollten sie nicht unbeachtet lassen und uns in allzu großer Sicherheit wiegen. Die Weltgesundheit ist ein zu großes Gut, um sie leichtfertig aufs Spiel zu setzen.
  5. Aus Fehlern sollte man lernen – zum Wohle aller. Wie so viele andere menschliche Errungenschaften ist auch die Entwicklung der Impfstoffe mit der Methode des „trial and error“ (Versuch und Irrtum) gelungen. Als der britische Landarzt Edward Jenner im Jahre 1796 die erste erfolgreiche Pockenimpfung an einem jungen Mann vornahm, waren in den vorangegangenen Jahrhunderten unzählige Menschen bei ähnlichen Experimentierversuchen ums Leben gekommen. Noch in den 70er und 80er Jahren des 20. Jahrhunderts führten Pockenimpfungen oft zu unschönen Narben an der Hautoberfläche, und bis heute sind Nebenwirkungen wie Fieber oder leichter Schwindel in den Stunden nach einer Impfung, die den Betroffenen bzw. seine Eltern natürlich skeptisch machen können, nicht ungewöhnlich. Doch mit dem Fortschritt der Medizin werden sich auch die Behandlungsmethoden immer weiter verbessern, und der Preis, den wir seit der Ausbreitung medizinischer Impfstoffe auf der ganzen Welt dafür zahlen mussten, vor tödlichen Krankheiten Schutz zu finden, ist ein verschwindend geringer.

Auf Basis der hier angesprochenen Punkte kann die Kontroverse um die Notwendigkeit und Sinnhaftigkeit von Impfungen klar einseitig entschieden werden. Andere Streitpunkte – seien es politische Instrumentalisierungen oder gar Verpflichtungen, Stigmen rund um das Thema oder nicht zuletzt neue unfundierte Gegenargumente in der Zukunft – können freilich nicht ausgeschlossen oder gänzlich beseitigt werden. Zum Wohle des Individuums als auch jeder Gemeinschaft ist es folglich von Nöten, dieser Angst vor Fortschritt und Sicherheit – sei sie begründet oder nicht – rational und entschieden entgegen zu treten.

 

Benedikt Bente wurde 1988 geboren und wuchs im fränkischen Bamberg auf. Nach seinem Bachelor in Geschichte und Politikwissenschaft an der Freien Universität Berlin studiert er nun an der Goethe-Universität Frankfurt am Main und der TU Darmstadt den Master “Politische Theorie”, in dessen Rahmen er auch ein Erasmussemester an der Karls-Universität Prag absolvierte. Von 2012 bis 2015 war er im Bundesvorstand der Liberalen Hochschulgruppen (LHG) aktiv, sowohl als stelvvertretender Bundesvorsitzender, als auch als International Officer. Seit 2015 ist er Schriftführer im Präsidium des VLA. Seine Schwerpunkte liegen in der Politischen Philosophie, der Ideengeschichte sowie der Religionsgeschichte.