Ausgabe 2/2014

Würde, Transparenz und neue Geheimnisse

Die Herausgeber treffen den Superintendeten von Berlin-Mitte Dr. Bertold Höcker.

Christian Schmelzer: In deinem neuen Buch ›Werte und Wohlstand. Das abendländisch-christliche Menschenbild als Erfolgsfaktor eines Unternehmens‹ wagst du den Versuch einer Verbindung zwischen deiner Interpretation des christlichen Menschenbildes und grundlegenden Sachverhalten aus Führungs-, Organisations- und Personalpsychologie. Drei Stichwörter möchte ich gerne herausgreifen: Paradoxie bzw. Ambivalenz, Transparenz und den Begriff der Würde. Diese erscheinen mir besonders diskussionswürdig.

Sprechen wir zunächst über das Phänomen von Paradoxien in Unternehmen und der Wirtschaft. Der polnisch-britische Soziologe Zygmunt Bauman analysiert, dass die Postmoderne die Vorstellung überwindet, Welterklärungen in einheitlichen Modellen darzustellen. Ambivalenz, also dass Sachverhalte immer aus mehreren Perspektiven bewertet und verstanden werden können, zählt zu den Grundbedingungen unseres Wirklichkeitsverständnisses. Gerade in wirtschaftlichen Zusammenhängen spielen heute dagegen klare Überprüfbarkeit und eindeutige Normen eine wesentliche Rolle. Ist es nicht paradox, wie heutige Lebenswelten und deren Geisteshaltungen mit den Ansprüchen und Vorstellungen des Kapitalismus aufeinandertreffen? Wie können das Menschliche und das Wirtschaftliche vereinbart werden?

Bertold Höcker: Nur, indem eine Spannung zwischen den unterschiedlichen Prinzipien aufrechterhalten wird. Das versuche ich in dem Kapitel »Paradoxienmanagement« nachzuweisen: Wenn widersprechende Prinzipien nicht gleichzeitig in Spannung gehalten werden, fällt man immer von der einen oder anderen Seite vom Pferd. Gerade wenn Eindeutigkeit verlangt wird, ist der Verzicht auf Paradoxa zwar möglich, aber der Preis dafür sehr hoch. Dieser wird in der Wirtschaft oft nicht bedacht und die Phänomene treten krisenhaft zutage. Ich plädiere dafür, Spannungen aufrechtzuerhalten.

Ein konkretes Beispiel?

H: Wenn international tätige Unternehmen beispielsweise in Ländern Aufträge bekommen wollen, in denen man ohne Korruption nicht weiterkommt, ist es klug, sich entweder generell zu diesem Thema nicht zu äußern, oder zuzugeben: In solchen Ländern müssen wir uns auch an so etwas beteiligen, mag das auch nicht europäischer Standard sein. Fakt ist, dass viele zunächst behaupten, wir zahlen niemals Korruptionsgelder und irgendwann wird so etwas dann doch aufgedeckt. Das ist folgenschwer für Unternehmen, weil es Reputation kostet. Es heißt dann: Das Unternehmen lügt. Der Siemens-Konzern ist dafür ein gutes Beispiel. Nichts ist schlimmer für ein Unternehmen, als dem Spruch nachzuhängen: »Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht«.

Was genau könnte ein Konzern in diesem Fall besser machen?

H:  Entweder das Thema generell nicht auf die Agenda setzen. Oder, wenn ein Konzern sich äußert, einräumen, dass Korruption in manchen Ländern dazugehört. Und Integrität erzeugen, indem das Unternehmen zugibt, dass dieses Verhalten zwar nicht in Ordnung ist, man aber auf einen bestimmten Markt nicht verzichten möchte. Außerdem ist es immer hilfreich, mit Transparency International oder anderen Organisationen zusammenzuarbeiten und Korruption möglichst einzudämmen.

Das führt uns zu dem wichtigen Schlagwort Transparenz; ein Thema, das fast jedes Unternehmen bzw. jede Organisation durchdringt. Warum ist Transparenz heute so wichtig?

H: Demjenigen, der sich Transparenz nicht auf die Fahne schreibt, hängt in der modernen Gesellschaft immer eine Hermeneutik des Verdachts nach. Diese Hermeneutik des Verdachts wird durch viele Skandale genährt. Transparenz ist meiner Meinung nach die einzige Möglichkeit, dieser zuvorzukommen. Sonst sind in der Konsequenz Verdachtsmomente nicht mehr zu kontrollieren.

Was ist die Ursache dieser »Hermeneutik des Verdachts«?

H: Ich glaube, die Ursache ist die moderne Informationsgesellschaft, in der plötzlich viel mehr Dinge ans Tageslicht kommen können. Dadurch dass sie herauskommen, nähren sie den Verdacht: Da werden Dinge verschwiegen, da sind Mechanismen am Werk, die eigentlich verborgen bleiben sollen. Diese Erfahrungen führen dazu, dass es heute sehr schwierig ist, Integrität und Glaubwürdigkeit zu erzeugen. Transparenz ist, glaube ich, das einzige Mittel, Glaubwürdigkeit zu gewinnen.

Der Berliner Philosoph Byung-Chul Han setzt sich in seinem Buch ›Transparenzgesellschaft‹ damit auseinander, wie höchst problematisch das Streben nach Transparenz in unserer Gesellschaft ist. Er schreibt dazu:

»Wer die Transparenz allein auf Korruption und Informationsfreiheit bezieht, verkennt ihre Tragweite. Die Transparenz ist ein systemischer Zwang, der alle gesellschaftlichen Vorgänge erfasst und sie einer tiefgreifenden Veränderung unterwirft. Das gesellschaftliche System setzt heute all seine Prozesse einem Transparenzzwang aus, um sie zu operationalisieren und zu beschleunigen. Der Beschleunigungsdruck geht mit dem Abbau der Negativität einher. Die Kommunikation erreicht dort ihre maximale Geschwindigkeit, wo das Gleiche auf das Gleiche antwortet, wo eine Kettenreaktion des Gleichen stattfindet. Die Negativität der Anders- und Fremdheit oder die Widerständigkeit des Anderen stört und verzögert die glatte Kommunikation des Gleichen. Die Transparenz stabilisiert und beschleunigt das System dadurch, dass sie das Andere oder das Fremde eliminiert. Dieser systemische Zwang macht die Transparenzgesellschaft zu einer gleichgeschalteten Gesellschaft. Darin besteht ihr totalitärer Zug.«

H: Es ist in jedem Fall ein interessantes Gesellschaftsverständnis, das daraus spricht. Es erklärt den auf uns ausgeübten Beschleunigungsdruck. Allerdings würde ich Transparenz nicht nur auf Korruption beschränken. Ich habe in meiner vorhergehenden Antwort versucht, eine Deutung vorzutragen, warum jene Hermeneutik des Verdachts immer stärker wird und dass Transparenz darauf die Antwort ist.

Wir bleiben folglich erst einmal in diesem System gefangen: Transparenz als notwendiges Gegenstück zur Unglaubwürdigkeit und jener Verdachtshermeneutik. Wie könnten wir aus diesem Spannungsfeld ausbrechen?

H: Darauf würde ich visionär antworten, die aktuelle Ratlosigkeit diesbezüglich kann ich nicht ganz teilen. Ich glaube, dass wir ausbrechen können, indem wir bestimmte Lebensbereiche wieder als Arkandisziplinen, als Geheimwissenschaften, zu begreifen beginnen. So wie das Christentum lange Jahrhunderte eine Arkandisziplin war, also in Lehre und Brauch vor Außenstehenden geheim gehalten, müssen wir bestimmte gesellschaftliche Bereiche wieder für geheim erklären und sie dem Transparenzstreben entziehen. Nur das ist menschlich. Es kann nicht in jedes Dunkel Licht gebracht werden, das ist würdelos und unmenschlich. In meinem Buch sage ich ganz klar, für welche Bereiche sich das anböte. Nicht jeder Mensch muss transparent sein und es soll auch nicht alles offen gelegt werden. Zwischen Offenlegung und Transparenz besteht ein großer Unterschied.

Du beschreibst in deinem Buch, dass wir nur aus uns selbst, durch das eigene selbstbewusste Ich, überzeugend führen und überzeugende Unternehmerinnen und Unternehmer sein können.

H: Ganz genau, denn in der modernen Gesellschaft ist die Autorität durch Amt entfallen. Wenn früher jemand ein Amt innehatte, so hatte er automatisch Autorität. Heute muss zusätzlich eine personale Glaubwürdigkeit das Amt tragen. Man sieht das im Pfarramt besonders schön, aber auch in anderen Ämtern. Heute wird alles kritisiert, es sei denn, es wird personal-glaubwürdig vorgetragen.

Diese allgegenwärtige Kritik ist eine große Herausforderung für Führungspersonen. Wie gehst du damit persönlich um?

H: Ich versuche, Autorität zu gewinnen, ohne autoritär zu sein. Ich versuche das, indem ich mit aller Kraft im Anderen immer auch den von Gott Geliebten sehe. Und ich überlasse es Gottes Geheimnis, warum er auch die schwierigen Menschen liebt. Ich versuche, jeder und jedem höchsten Respekt zu zollen und das in meinem Verhalten und meiner Sprache jederzeit deutlich zu machen – auch wenn ich geärgert werde und besonders dann. Denn ich möchte niemandem Macht über mein Leben geben, indem ich mich über ihn ärgere und ich möchte gegenüber niemandem jemals den Respekt verlieren. Außerdem versuche ich gegenüber allen, vor denen ich Leitungsverantwortung habe, mein Handeln transparent zu machen und sage: Das ist meine Meinung, bitte setzen Sie sich zu dieser ins Verhältnis, aber bitte grenzen sich nicht ab.

Ein grundlegender Topos in deinem Buch ist der Begriff Würde. Du beziehst dich dabei auf Wilfried Härle, einen evangelischen Theologen, der Würde zum Fundament seiner evangelischen Dogmatik erklärt. Macht Härle es sich damit zu einfach, weil er die letztendliche Begründung von Würde offen lässt?

H: Ich verteidige das. Würde ist immer eine Setzung, religiös oder human. Nur wenn ich sie religiös setze, ist sie nicht mehr hinterfragbar. Wir haben in der Geschichte Deutschlands gesehen, was geschieht, wenn man Würde rein human begründet: Dann ist sie durch Übereinkommen von Menschen aufhebbar. Wenn Würde religiös begründet ist, ist sie unantastbar. Ich glaube, dass eine religiös begründete Würde die Unantastbarkeit von Menschen evoziert. Deswegen komme ich zu der Notwendigkeit, Würde ausschließlich religiös zu begründen. Sie jemandem nur durch Übereinkommen zwischen Menschen zuzusprechen, ist meiner Meinung nach nicht ausreichend. So wie man in der Mathematik setzt: Null ist null und eins ist eins, und von da aus ganze Systeme entfaltet, so setze ich Würde. Der Dialog beginnt dann, wenn wir über die impliziten Axiome, die die unterschiedlichen Begründungen haben, ins Gespräch kommen. Ich glaube, wir müssen uns dann über die impliziten Axiome unterhalten und nicht mehr über die Würde an sich.

Wie würdest du den religiös gesetzten Begriff der Würde füllen?

H:  Man kann darüber streiten, wie man den Begriff der Würde füllt. Es ist ein unhinterfragbarer Prinzipienkanon von Unantastbarkeiten. Solche sind zum Beispiel das Lebensrecht einer Person, das Andauern der Würde über den Tod hinaus und die Maxime, dass ich niemanden in Situationen bringe, in denen er würdelos wird.

Was passiert, wenn andere religiöse Überzeugungen mit den Konzeptionen von Würde und unserem Rechtssystem, das christlich-abendländisch grundiert ist, in Konflikt geraten? Müssen wir auf die Bedürfnisse anderer Kulturen und Religionen in unserem Gesellschafts- und Rechtssystem eingehen?

H: Ich glaube, dass dies gerade juristisch nicht berücksichtigt werden darf, das ergäbe ungleiches Recht. Es kann in einer Gesellschaft nur ein Recht geben, das alle zusammenhält. Recht ist das Letzte, was die Gesellschaft noch zusammenhält, weil sie in sich so stark ausdifferenziert ist. Wenn sich auch noch das Recht im Hinblick auf seinen Adressaten ausdifferenziert, hätten wir nichts mehr, was unsere Gesellschaft zusammenhält. Deshalb dürfen wir nicht unterschiedliches Recht für unterschiedliche Gruppen schaffen.

Das bedeutet im Umkehrschluss, dass die christlich-abendländisch Konzeption von Würde auch nur so geprägte Menschen zusammenhält?

H: Mein Begriff der Würde hält religiös-christliche Menschen zusammen. Ich würde ihn aber auch für universal erklären. Selbst wenn das teilweise bestritten wird, ich würde mich auf jeden Fall gegenüber allen Menschen gemäß dieses Konzeptes verhalten.

Vielen Dank für das Gespräch.

Bertold Höcker & Matthias Herzberg: Werte und Wohlstand. Das abendländisch-christliche Menschenbild als Erfolgsfaktor eines Unternehmens.

Palmedia, Berlin, 2014, 87 S., Taschenbuch, 14,95 Euro