Ausgabe 2/2014

Zeitdiagnose »Klassenkampf Ade«

Plädoyer für eine neue Debattenkultur von Matthias Rüping

Kein einziges Mal taucht das Wort »Frauenquote« im Gesetzentwurf auf, den die Bundesregierung derzeit zur »gleichberechtigten Teilhabe von Frauen und Männern an Führungspositionen in der Privatwirtschaft und im öffentlichen Dienst« vorbereitet. Das ist wenig überraschend. In der Sache geht es nämlich nicht um die verbindliche Festlegung einer Frauen-, sondern einer Geschlechterquote. Haarspalterei? Mitnichten. Geschlechterquote bedeutet, dass eine Mindestquote sowohl für Männer als auch für Frauen gilt, sodass Unternehmen sowie Behörden dadurch auch zur gezielten Förderung von Männern gezwungen sein können. Diese Einbeziehung beider Geschlechter dient nicht nur der Absicherung verfassungsrechtlicher Konsistenz. Sie offenbart auch einen Defekt des öffentlichen Diskurses. Leitmedien und (Online-)Stammtisch debattieren in der Realität nämlich wenig differenziert: So erwähnten Artikel in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung in den vergangenen Jahren den inhaltlich unzutreffenden Terminus »Frauenquote« rund 70 Mal häufiger als die korrekte Beschreibung »Geschlechterquote«. Ähnlich findet Google zur »Frauenquote« rund 35 Mal so viele Ergebnisse wie zur »Geschlechterquote«. Das ist gleichzeitig Symptom und Katalysator einer fehlgeleiteten Debattenkultur.
Der Begriff Frauenquote hat eine kämpferische Qualität, paraphrasiert den Kampf einer Minderheit gegen eine Mehrheit. Die herausragenden Errungenschaften des emanzipatorischen Feminismus gründen sicher nicht zuletzt auf der »klassenkämpferischen« Selbstbehauptung eines gesetzlich wie gesellschaftlich jahrtausendelang diskriminierten Geschlechts. Die aufgeklärte Demokratie des 21. Jahrhunderts bietet aber kaum noch Raum für Klassenkampf. Im Vordergrund steht nicht (mehr) die kämpferische Erhebung einer diskriminierten Minderheit gegen die herrschende Mehrheit. Zeitgenössische politische Debatten sollten nicht auf einem stumpfen »wir gegen euch« gründen, sondern die gesamtgesellschaftliche Perspektive ins Zentrum rücken. Die Auseinandersetzung um eine gesetzliche Geschlechterquote etwa gründet auf empirisch belegbaren Gehalts- und vor allem Karrierediskrepanzen zwischen den Geschlechtern. Gesamtgesellschaftlich geht sie letztlich aber vor allem auf die Frage zurück, welches Maß an realer Ergebnisgleichheit wir auf Kosten formaler Chancengleichheit durchsetzen wollen. Welche Antwort auf diese Frage gegeben wird, hängt sicher von der individuellen politischen Wertehierarchie ab; das Geschlecht des Befragten indes sollte irrelevant sein.
Ganz anders verhält es sich im öffentlichen Diskurs über die Geschlechterquote: Nicht selten verlaufen die argumentativen Konfrontationslinien entlang der jeweiligen Geschlechtszugehörigkeiten. Der Qualität des öffentlichen Diskurses ist das nicht zuträglich. Insbesondere aber behindert es die Meinungsbildung über die eigentlich zentrale Frage, wie wir unsere Gesellschaft gestalten wollen. Die fehlgeleitete Debatte über die »Frauenquote« ist dabei Sinnbild für ein grundlegendes Phänomen: Gesellschaftspolitische Debatten werden viel zu häufig auf Kollisionen differierender Eigeninteressen reduziert: So markiert schwul-lesbische Gleichstellungspolitik nicht den einsamen Kampf Homosexueller gegen die heteronormative Mehrheitsgesellschaft, sondern sucht Antworten auf die Frage, wie viel individuelle Freiheit wir noch auf dem Altar (überkommener) Wertevorstellungen zu opfern bereit sind. Integrationspolitik ist nicht Abstraktion eines Konflikts zwischen Einwanderern und Einheimischen, sondern Barometer dafür, wie plural eine Gesellschaft sein möchte.
Werden gesellschaftspolitische Debatten nicht als Logik klassenkämpferischer Selbstbehauptung begriffen, können individuelle Biographien auch nicht mehr als Ausschlussgrund aus der öffentlichen Debatte fungieren: Männer und Frauen sind dann in gleicher Weise zur Meinungsbildung und -kundgabe über Genderpolitik berechtigt und Frauen- (oder besser noch: Geschlechter-)Politik kann von beiden Geschlechtern betrieben werden. Die sexuelle Identität spielt dann keine Rolle in der gleichstellungspolitischen Diskussion (und Ämterbesetzung!). Und die Existenz eines Migrationshintergrunds determiniert nicht die politische Einstellung zur Einwanderungspolitik.
Alles andere ist in einer modernen Debattenkultur nicht mehr zeitgemäß. Dass wir am Ziel noch lange nicht angekommen sind, beweist die unnötig konfrontative Debatte um eine »Frauenquote«, die in der Realität eine Geschlechterquote ist. Der klassenkämpferische Gestus ist überholt. Es wird Zeit, dass sich das auch in der öffentlichen Debatte bemerkbar macht.