Das diesjährige Pfingstseminar mit dem Thema „Moralische Verantwortung in der Medizin“ war insofern herausfordernd, da es wohl weitgehend alle Anwesende auf mehr oder weniger eindrucksvolle Weise ansprach. Sei es aus persönlichem, ganz allgemeinem, politischem oder rein inhaltlich fundiertem Erkenntnisgewinn.

Professor Martin Stellpflug führte uns gleich am Freitagabend in seinem Einführungsvortrag in Herausforderungen und grundlegende Fragen der Medizinethik ein. Wie steht es etwa um die Patientenautonomie bzw. Betreuungsvollmacht aus rechtlicher und zwischenmenschlicher Sicht?

Dr. Claudia Menzel erläuterte uns am Samstagmorgen aus Sicht einer Hausärztin die Sterbehilfe und die Achtung vor dem Leben. Neben der indirekten Sterbehilfe wurden die passive und die aktive Sterbehilfe an Beispielen dargelegt. Selbst bei der Bei-hilfe zur Selbsttötung bleibt festzuhalten: „Wir sind nicht der liebe Gott“. In allen geschilderten Fällen der aufgezeigten Sterbehilfe mag nach Dr. Menzel die persönliche, ehrliche und gefühlte Sterbebegleitung DAS WESENTLICHE auf dem Weg in eine „andere Welt“ bleiben.

Dr. Nabil Saymé erläuterte Möglichkeiten und Grenzen der Reproduktionsmedizin aus liberaler Sicht. Die Beantwortung vieler heute noch vollkommen offener Fragen der Reproduktionsmedizin lassen sich in Zukunft wohl nur durch eine wesentliche naturwissenschaftliche Weiterentwicklung einer Vielzahl genetischer und molekular-biologischer Forschungsarbeiten wie auch der Weiterentwicklung entsprechender internationaler Rechtsnormen in einem dialogischen Bildungsprozess innerhalb globalen menschlichen Seins erwarten und erzielen.

Am Samstagnachmittag gab uns Benedikt Bente einen hervorragenden Übersichtsvortrag mit dem Thema „Impfung – medizinische Errungenschaft und die neue Angst vor dem Fortschritt“. Eindeutig muss festgehalten werden, dass Impfungen bei einer absoluten Vielzahl von Fällen – und nach unserem heutigen Erkenntnisstand – ihre unbedingte Daseins- und Anwendungsberichtigung haben. Impfungen dürfen sich in keinster Weise durch krasse, mit viel Dummheit und Anmaßung geprägte Diskussionsansätze, häufig medial getrieben, beeinflussen lassen. Ausnahmen von dieser Regel bilden selbstverständlich individuelle Nichtverträglichkeitssymptome einiger Bürger etwa auf den jeweils angewandten Impfstoff.

Dr. Gérard Bökenkamp sprach dann am Sonntagmorgen über das “ungeborene Leben und das Selbstbestimmungsrecht der Frau“. Dabei legte er den Fokus auf die historische Debatte sowie mögliche Positionen in dieser Frage, die er absolut neutral nebeneinander stellte. Dieser Beitrag führte zu kontroversen Diskussionen, die im Übrigen fast ausschließlich von anwesenden Herren geführt wurden. Die fast so gut wie alle Teilnehmerinnen hielten sich mit Meinungsäußerungen bedauerlicherweise zu-rück.

Abschließend hielt Professor Hartmut Kress einen Vortrag über „Transplantationsmedizin im ethischen Diskurs. Eine neu entstehende Frage: Übertragung tierischer Organe auf Menschen?“. Ähnlich wie im Vortrag von Kollegen Saymé müssen internationale Rechtsfragen und zu erwartende genetisch und molekularbiologisch fundierte Forschungsergebnisse schlussendlich in einem zukünftigen, vermehrt transparenten, verständlichen und dialogisierenden internationalen Gesellschaftsprozess argumentativ diskutiert und umgesetzt werden.

Die sich Sonntagnachmittag anschließende Exkursion durch Goslar hatte vieles zu bieten, vor allem höchst interessante Geschichten zur Historie Goslars (von Klinkerbauten aus mittelalterlichen Zeit, über alte Kaiserresidenzen, bis hin zum Stammhaus der Industriefamilie Siemens). Versierte Stadtführer ließen uns bei Wind und Wetter Goslar und seine beeindruckte Architektur, Geschichte und Schönheit wahrlich nacherleben.

Der Arno-Esch-Preis wurde diesjährig an die Kiron University verliehen, deren Intention es ist „Flüchtlings-Studierenden eine Gelegenheit zum Studieren zu geben, auch wenn sie noch nicht die formellen Zulassungsvoraussetzungen für den Besuch einer deutschen Universität haben und noch bevor ihr Aufenthaltsstatus in Deutschland endgültig geklärt ist“ (Nienburger Zeitung, Nr. 21, S. 2). Der Preis wurde durch Herrn Dr. Burkhard Luber stellvertretend für die Kiron University entgegengenommen.

Last but not least muss auch beim diesjährigen Pfingstseminar festgehalten werden, dass durch eine gemeinsame Ausrichtung von VLA und LHG eindeutig das Gesamt-Niveau unsres Seminars ganz wesentlich – wie schon in den letzten Jahren – bereichert wurde. Hierzu diente auch das politische Hochschulgespräch zwischen dem amtierenden Bundesvorsitzenden des LHG Johannes Dallheimer und der Präses des VLA Brigitte Bremer, das gegenwärtige und zukünftige Ausrichtungen liberaler Hochschulpolitik beinhaltete.

Am Montagmittag wurde das Seminar mit der Tagung des Konvents, bei dem grundlegende Diskussionen geführt und wesentliche Beschlüsse gefasst und verabschiedet wurden, beendet.

Eine persönliche Impression – mit einer Vielzahl von Bildern unterlegt – ist jederzeit vom Autor dieses Kurzberichtes verfügbar.