Ausgabe 1/2017

Gespräch »Deutsche Hochschulen dürfen nicht ins Mittelmaß fallen«

Ein Gespräch geführt von
Dr. Ralf-Rainer Piesold und Johannes Dallheimer
Dr. Ralf-Rainer Piesold und Johannes Dallheimer (Bundesvorsitzender des LHG): Sehr geehrter Herr Lindner, Sie sind Bundesvorsitzender der FDP und auch Spitzenkandidat für die Bundestagswahl. Wir von dem Verband Liberaler Akademiker haben uns zum Ziel gesetzt, Brücken zwischen den Generationen liberaler Akademiker zu bauen. Die Liebe zur akademischen Bildung verbindet uns. Deswegen wollen wir heute auch mit dem Doppelinterview einen Schwerpunkt setzen.
Dr. Ralf-Rainer Piesold: Die FDP hat sich immer für den Bereich Bildung stark gemacht. Wegweisend war vor über 50 Jahren das Buch des großen liberalen Ralf Dahrendorf mit dem Titel „Bildung ist Bürgerrecht“. Gilt das heute auch noch für unsere Gesellschaft und die FDP?
Christian Lindner: Dahrendorfs Visionen sind immer noch aktuell. Bildung soll jeden Menschen dazu befähigen, sein Leben nach seinen Wünschen bestmöglich auszugestalten. Deshalb ist und bleibt Bildung ein Bürgerrecht, ohne den Zugang zu Bildung wird der Bürger seiner Möglichkeiten zur Selbstverwirklichung beraubt. Wir Freien Demokraten wollen deshalb die beste Bildung. Nur dann ist sichergestellt, dass wirklich jeder seine Talente frei entfalten kann, nur dann haben wir echte Chancengerechtigkeit in Deutschland. Der Weg zur besten Bildung ist auch heute noch ein Mondfahrtprojekt, für das wir alle Kräfte bündeln müssen.
Johannes Dallheimer: Die Liberale Hochschulgruppe verzeichnet einen immer stärkeren Zuspruch. Studentische Gremienarbeit wird aber oftmals nur mit einem Augenzwinkern als Politik bezeichnet. Teilen Sie diese Ansicht?

Christian Lindner: Ich war in den letzten Wochen an vielen Hochschulen und habe mich dort mit hochschulpolitisch Aktiven vor Ort austauschen können. Mein Eindruck ist: Die studentischen Gremien leiden nach wie vor unter dem Aufeinandertreffen der „Vor-Ort-Veränderer“ mit den „Weltveränderern“. Die „Vor-Ort-Veränderer“ wollen die Hochschule zu einem besseren Ort machen, durch Modernisierung der Infrastruktur, durch die Digitalisierung der Lehre. Doch diese konstruktiven Vorschläge gehen dann oftmals in Grundsatzdebatten der „Weltveränderer“ über ein angeblich ausbeuterisches, kapitalistisches Wirtschaftssystem unter. Hochschulgremien sind der falsche Ort, um über diese Frage abstimmen zu lassen, ob wir für oder gegen den Kapitalismus sind. Hochschulpolitiker sind deshalb keineswegs zu belächeln, da braucht man echt Nerven für, wenn sich StuPa-Sitzungen bis in die frühen Morgenstunden ziehen, um dann endlich eine Resolution für mehr WLAN am Campus verabschieden zu können. Ich bin sehr froh, dass wir mit der LHG an vielen Hochschulen an Zuspruch gewinnen und die liberalen Studenten eine lautstarke Stimme der „Vor-Ort-Veränderer“ sind.

Johannes Dallheimer: In den 68ern haben Studierende aktiv die Politik beeinflusst. Wäre das heute noch möglich oder wird es mal wieder Zeit?
Christian Lindner: Es ist immer an der Zeit, dass sich junge Menschen aktiv in die Politik einbringen. Ich halte die heutigen Studierenden aber auch nicht für unpolitisch oder gleichgültig. In der Regel sind das differenzierende, nachdenkliche und verantwortungsvolle junge Menschen. Vielleicht beinah zu verantwortungsvoll – ich wünschte, die Studierenden würden manchmal noch mehr für ihre Interessen eintreten. Der Zustand so mancher Hörsäle grenzt an eine Respektlosigkeit gegenüber der jungen Generation, die das aber leider klaglos hinnimmt.
Dr. Ralf-Rainer Piesold: Die politische Neuorientierung der Gesellschaft entwickelte sich parallel mit einer Neuorientierung an den Hochschulen. Sind Hochschulen auch Orte für politische Innovationen?

Christian Lindner: Hochschulen sind Orte der geistigen Freiheit. Nicht umsonst schützen wir Freiheit und Unabhängigkeit von Wissenschaft und Forschung in so besonderem Maße. Dort, wo gegen den Strom gedacht wird, wo der Mainstream in Frage gestellt wird, wo das Undenkbare erforscht wird – da entstehen Fortschritt und Innovation. Gesellschaftlicher Wandel lässt sich nicht verordnen, aber Hochschulen sind mit Sicherheit Keimzellen des Wandels. Das macht sie so wertvoll, auch über die konkreten Forschungsergebnisse hinaus.

Dr. Ralf-Rainer Piesold: Viele Spitzenforscher verlassen Deutschland. Wenn ich die Wahl zwischen der Universität Heidelberg und dem MIT in Boston hätte, würde ich wahrscheinlich auch in die USA gehen. Etwas provokativ deswegen: Haben unsere Unis einen „angegrauten“ Charakter, der etwas mit Berufsbeamtentum zu tun hat und gibt es wieder den Muff unter den Talaren?
Christian Lindner: Sie würden zum MIT gehen, weil das MIT viel bessere Lehr- und Forschungsbedingungen als eine deutsche Hochschule hat. Die Zahl der Studierenden, um die Sie sich kümmern müssen, ist viel niedriger, und in den Büros nebenan forschen die jeweils Besten ihrer Zunft. Die Vorteile einer Lehrstuhlberufung können sich nicht auf einen Titel und eine sichere Altersvorsorge beschränken. Wissenschaftler werden von ihrem Forscherdrang angetrieben, wir müssen ihnen also beste Forschungsbedingungen bieten.

Johannes Dallheimer: Herr Lindner, Hand aufs Herz. Sind die deutschen Hochschulen gerüstet für die Zukunft? Wird es sie in die­ser Form in 20 Jahren überhaupt noch geben?

Christian Lindner: Hochschulen wird es weiterhin geben – aber wir müssen darauf achten, dass unsere Hochschul- und Wissenschaftslandschaft nicht im Mittel­maß im weltweiten Vergleich versinkt. Wir sind aktuell im Rückstand und müssen den Abstand an die weltweite Spitzenforschung wieder verkürzen. Wir brauchen auch vom Bund ein deutlich stärkeres Engagement für Wissenschaft, Forschung und Hochschulen.

Dr. Ralf-Rainer Piesold: Laut einer Umfrage der „Die Zeit“ überlegen 81 Prozent der jun­gen Wissenschaftler, aus der Wissenschaft auszusteigen. Was sagt das über den Zustand des Wissenschaftssystems? Frau Wanka will mit dem Konzept der Tenure Track Professur diesem Trend begegnen. Wäre das auch für uns Liberale der Weg?

Christian Lindner: Würden die 81 Pro­zent aussteigen wollen, weil sie sich mit einem StartUp aus ihrem Forschungsbereich selbstständig machen wollen, wäre das ja eine Auszeichnung für unsere Forschung. Aber leider ist dem wohl nicht so. Viele junge Wissenschaftler, vor allem Frauen, verlassen die Wissenschaft nach wie vor, weil die Arbeitsbedingungen alles andere als optimal sind. Die befristete Beschäfti­gung ist ein Dauerzustand, die Vereinbar­keit von Familie und Beruf schwierig, der Weg zur Professur lang. Tenure Track ist zweifelsohne ein sinnvoller Ansatz, denn er schafft persönliche Planung. Das allein reicht jedoch nicht aus. Es helfen oftmals einfache Dinge, wie eine bessere Versorgung mit Kita-Plätzen, die den Besonderheiten der Hochschule gerecht werden. Und auch hier gilt: Wir brauchen eine bessere Ausfi-nanzierung der Hochschulen. Entscheidend ist dabei gar nicht die Frage, ob der Bund an der Finanzierung beteiligt wird oder nicht. Doch wenn er sich beteiligt, müssen die Mittel dauerhaft als Grundmittel fließen. Die bisher zur Verfügung gestellten Hochschul-paktmittel sind als Projektmittel geflos­sen, dauerhafte Stellen konnte damit keine Hochschule schaffen.

Dr. Ralf-Rainer Piesold: Die ehemaligen Fachhochschulen ändern nicht nur ihren Na­men häufig in „University of Applied Scien-ce“, sondern verändern auch ihr Selbstver­ständnis. Sie möchten das Promotionsrecht und wollen stärker international tätig werden. Belebt dieses Konzept die Hoch­schullandschaft oder stirbt ein Zweig ab?

Christian Lindner: Wir Freien Demokraten sind Verfechter der Hochschulautono­mie, die Hochschulen sollen sich ja auch ihre eigenen Profile geben. Und wenn ein solches Profil dazu führt, dass es in bestimmten Be­reichen eine sehr starke anwendungsorien­tierte Forschung gibt, sollte die Hochschule in diesen Bereichen auch das entsprechende Promotionsrecht erhalten können. Ich sehe hier durchaus Chancen, wenn die Qualität gesichert ist. Keinesfalls darf die ohnehin zu beobachtende Inflation der Promotionen weiter und zu Lasten der Qualität zuneh­men.

Dr. Ralf-Rainer Piesold: Es gibt immer mehr akademische Berufe, die wenig Zuspruch auf dem Arbeitsmarkt finden. Das Fehlen von Studentinnen und Studenten in den MINT-Fächern und Ingenieurberufen wird hingegen beklagt. Stimmt das Verteilungs­system nicht?

Christian Lindner: Verteilungssystem klingt mir zu sehr nach Planwirtschaft. Die Verteilung der Studienplätze wird ja zum Glück größtenteils nicht durch das Angebot bestimmt, sondern durch die Nachfrage. Wir müssen uns also die Frage stellen: Warum meiden viele junge Menschen die Naturwis­senschaften? Weil sie im bisherigen Leben nicht für die Naturwissenschaften begeistert wurden. Hier komme ich zurück zu ihrer Eingangsfrage: Mit bester Bildung wollen wir den schlummernden Mathe-Talenten auch die Chance geben, dass sie ihre Fä­higkeit entdecken und entwickeln können. Das beginnt in der Kita und ist während der Schulzeit besonders wichtig. Der Mangel an MINT-Absolventen an den Hochschulen ist kein alleinstehendes Phänomen, sondern Ergebnis der gesamten Bildungskette.

Johannes Dallheimer: 16 Bundesländer und ein Bundesministerium – verderben zu viele Köche den Brei, gerade in der Bildungspoli­tik?

Christian Lindner: Ja, Bildung ist aus unserer Sicht nationale Kernaufgabe. Der Bund sollte künftig stärker als bisher koordinieren und finanziell beisteuern. Statt 16 unterschiedlicher Systeme der Bundes­länder brauchen wir einen Wettbewerb der einzelnen Bildungseinrichtungen um die besten Ideen. Der Bildungsföderalismus in Deutschland ist längst nicht mehr Teil der Lösung, sondern selbst zum Problem geworden.

Dr. Ralf-Rainer Piesold: Jedes Jahr war­tet man gespannt auf die Verleihung der Nobelpreise. Selten sind Vertreter deutscher Universitäten dabei. Bekannt ist, dass z.B. auf dem Gebiet der Wirtschaftswissenschaf­ten Reinhard Selten als einziger Deutscher den Nobelpreis erhielt (1994). Müsste uns das nicht nachdenklich stimmen? Vor hun­dert Jahren war Deutschland führend in den Fächern Chemie und Physik.

Christian Lindner: Vor 100 Jahren waren die deutschen Hochschulen auch die Top-Adressen der internationalen Wis­senschaft, heute befinden diese sich fast ausschließlich im angelsächsischen Raum. Man schaue sich da nur mal die Lebensläufe der deutschen Nobelpreisträger seit 2000 an. Fast alle von ihnen haben einen starken Bezug zu den amerikanischen Spitzenunis, einige haben dort gar ihren Lehrstuhl inne. Da wird auch eine Schwäche des deutschen Hochschulsystems sichtbar: Vergleichswei­se wenig ausländische Professoren. Unsere Hochschulen haben noch nicht die notwen­dige internationale Strahlkraft.

Johannes Dallheimer: Unsere Hochschulen sind allesamt chronisch unterfinanziert. Wieso wird gerade hier gespart und braucht es neue Finanzierungsmöglichkeiten, zum Beispiel Studiengebühren?

 

Christian Lindner: Die Hochschulfi­nanzierung variiert von Bundesland zu Bundesland enorm. Wir müssten als Gesamtgesellschaft festlegen, was uns ein Studierender mindestens wert ist. Die Länder müssen auf die Finanzierung guter Lehrbedingungen verpflichtet werden. Und ja, wir brauchen auch zumindest die Mög­lichkeit für Hochschulen, dass sie Studien­beiträge erheben. Sie selbst sollen darüber entscheiden. Das darf aber eben nicht die Finanzierung durch den Staat ersetzen, son­dern muss konkret in der Verbesserung der Ausstattung, der Qualität und des Lehrum­fangs spürbar sein.

Dr. Ralf-Rainer Piesold: Wären mehr private Universitäten eine Bereicherung?

 

Christian Lindner: Seit der Abschaffung der Studienbeiträge erleben wir eine Ab­stimmung mit den Füßen: Junge Menschen entscheiden sich vermehrt für ein Studium an einer privaten Hochschule, sie zahlen freiwillig für bessere Studienbedingungen. Sie bereichern unser Hochschulsystem also schon jetzt ungemein.

Dr. Ralf-Rainer Piesold und Johannes Dall-heimer: Wenn Sie einen Tweet mit 30 Zeichen über die deutschen Hochschulen schreiben müssten, was würden Sie twittern?

 

Christian Lindner: Weniger Behörde, mehr StartUp!

Dr. Ralf-Rainer Piesold: Vielen Dank Herr Lindner für Ihr Interview, wir hoffen sehr, dass Sie ab Herbst Ihre hochschulpoliti­schen Überlegungen im Bundestag umsetzen können.