Anfang August gab es eine kleine Premiere für Liberale Hochschulgruppe (LHG) Bonn und den Verband liberaler Akademiker (VLA): Ein erstes Zeitzeugengespräch mit einst an führender Stelle tätigen VLA-Mitgliedern fand statt.

So hatten LHG-Mitglieder mit VLA-Präses Alexander Bagus gemeinsam das große Vergnügen, Wolfgang Schollwer am Fuße des Bonner Venusbergs zu besuchen. Bei schönstem Sommerwetter saßen die Gäste von Herrn Schollwer auf der Terrasse seiner Seniorenresidenz und begegneten einem faszinierenden Mann, dem man die 96 Jahre seines bewegten Lebens wahrlich nicht ansieht.

Präzision und Humor

Mit einer beeindruckenden Präzision und zugleich außerordentlich humorvoll erzählte Wolfgang Schollwer ausführlich von seinem politischen und auch privaten Lebenslauf. Dass er überhaupt in die Politik gegangen ist, war eher ein Zufallsprodukt der Nachkriegszeit: Er wollte gerne Medizin studieren, benötigte dafür als ehemaliger Leutnant der Reserve in der Wehrmacht aber eine Genehmigung der sowjetischen Besatzungsorgane. Als er zum ersten Mal bei der zuständigen Kommission vorsprach, legte man ihm nahe, sich erst als Zeichen seiner Verbundenheit mit dem kommunistischen Regime politisch einzubringen.

Nach einem ernüchterten Blick über die politische Landschaft in der Sowjetzone entschied er sich zum Eintritt in die Liberal-Demokratische Partei Deutschlands (LDPD), die ihm noch am vernünftigsten erschien. Beim nächsten Termin vor der Kommission berichtete der junge Wolfgang Schollwer stolz von seinem neuen Engagement, doch die sowjetischen Entscheider waren entsetzt: Man hatte ihn zum Eintritt in die SED bewegen wollen und war von seiner Mitgliedschaft in einer der Blockparteien so entgeistert, dass man ihm die Zulassung zum Studium vollends versagte.

Flucht vor den Sowjets

Stattdessen begann Wolfgang Schollwer, in der Politik Fuß zu fassen. Er wurde Landessekretär der LDPD, stand dabei jedoch unter strenger Beobachtung der Sowjets. Selbst der Landesgeschäftsführer der LDPD, genau wie viele andere Parteifunktionäre ein Spitzel der Kommunisten, hatte ein wachsames Auge auf ihn. Mehrmals setzen ihn KGB-Agenten unter Druck, verhafteten enge Bekannte und stellten seine Loyalität zur DDR auf die Probe, bis ihm schließlich 1950 die Flucht in den Westen gelang.

In der BRD wurde Wolfgang Schollwer Mitglied der FDP und arbeitete zunächst in deren Ost-Büro als dessen stellvertretender Leiter. Besonderen Einfluss auf die Politik der Liberalen hatte er anschließend als Referent für Außen- und Deutschlandpolitik und nach seiner – für ihn selbst unerwarteten – Ernennung zum Chefredakteur des Pressedienstes der FDP. Mit seinen „Schollwer-Papieren“ sorgte er innerparteilich zwar für einen Eklat, war mit seinen Ideen aber Wegbereiter eines deutsch-deutschen Entspannungskurses und Vordenker der Deutschlandpolitik der sozialliberalen Koalition. Auch aus diesem Grund wurde er 1972 in den Planungsstab des Auswärtigen Amtes geholt und wirkte dort bis zu seiner Pensionierung im Jahr 1987. Nebenbei bemerkt: Trotz seiner vielfältigen diplomatischen und geheimdienstlichen Kontakte kam der Mauerfall nur zwei Jahre später auch für ihn völlig überraschend.

Ein überzeugter Liberaler, kein Parteisoldat

Den jungen Studentinnen und Studenten wurde schnell klar, dass Wolfgang Schollwer nie ein Parteisoldat ein war, für den der politische Erfolg der FDP das oberste Ziel darstellte. Stattdessen nutzte er, der ohne klassische oder gar einschlägige Ausbildung bis in höchste Ministerialebenen vordringen konnte, immer die Gunst der Stunde, um politische Veränderungsprozesse in Gang zu setzen. Umso bedauerlicher ist es, dass er und sein politisches Wirken nach seiner Pensionierung bei den Freien Demokraten schon bald in Vergessenheit geraten waren und Wolfgang Schollwer sich enttäuscht dazu entschloss, aus der FDP auszutreten.

Aber auch nach Ende seines Engagements bei den Freien Demokraten hat er das Vergnügen an der politischen Auseinandersetzung nicht verloren. Die Studentinnen und Studenten nutzten daher die Gelegenheit, um mit Wolfgang Schollwer über verschiedene tagesaktuelle Themen zu diskutieren. So sieht er sich als analogen Menschen, der dem – wie er sagt – „Digitalismus“ eher kritisch gegenübersteht, und war sehr an den Erfahrungen der jungen Menschen mit der veränderten Debattenkultur im Internet und einem viel themenspezifischeren politischen Engagement junger Menschen interessiert.

Der Deckmantel des Rassismus

Besonders hitzig wurde die gemeinsame Diskussion bei der Frage, ob jemand, der sich wie Mesut Özil mit ausländischen Despoten ablichten lässt, Mitglied der deutschen Fußball-Nationalmannschaft sein kann. Unabhängig von der persönlichen Meinung wurde die große Gefahr an der aktuellen Debatte darin gesehen, dass einige Menschen die Situation zum Anlass nehmen, um unter dem Deckmantel sportlicher Kritik ihren blanken Rassismus auszuleben, oder dass in umgekehrter Weise sachliche Kritik als Rassismus verteufelt wird. Beide Ausprägungen einer hoch emotionalen und teilweise unfairen Auseinandersetzung gilt es zu vermeiden, daher hofft Wolfgang Schollwer, dass dieser beunruhigenden Entwicklung vor allem junge Menschen etwas entgegensetzen können.

Die Vertreterinnen und Vertreter der LHG Bonn waren sehr dankbar, dass Wolfgang Schollwer sich die Zeit für sie genommen hat und ihnen eindringlich vor Augen geführt hat, wie wichtig es ist, für die eigenen politischen Ideale zu kämpfen. Immer an der Sache orientiert und nie auf bloße Posten und Ämter aus – das ist es, was den liberalen Gestalter Wolfgang Schollwer ausmacht. Sie hoffen, dass er seine Erfahrungen noch lange an die nachfolgenden Generationen weitergeben kann und für aufstrebende Politikerinnen und Politiker ein Vorbild ist.