Zwischen Theorie und Praxis Warum der Liberalismus sein ideologisches Fundament braucht
LP 1/2025 | Caroline Scherb
Die Zukunft des Liberalismus steht auf dem Spiel – nicht nur als politisches Projekt, sondern als geistige Strömung, die über Jahrhunderte hinweg die Grundlagen für individuelle Freiheit, gesellschaftlichen Fortschritt und wirtschaftliche Prosperität gelegt hat. In einer Zeit, in der die Freien Demokraten nicht mehr in Regierungsverantwortung stehen, stellt sich für viele von uns die Frage: Wie kann der organisierte Liberalismus gestärkt und erneuert werden? Was kann ihn vor der Beliebigkeit und Verwässerung bewahren?
Als Studentin und Teil einer Generation, die den Liberalismus nicht nur als historische Errungenschaft, sondern als gelebte Überzeugung versteht, ist meine Antwort klar: Wir müssen zurück zu unseren ideologischen Wurzeln. Die Kraft dieser Bewegung entsteht nicht aus bloßer Tagespolitik oder strategischer Klugheit, sondern aus einem tiefen Verständnis für den Freiheitsbegriff, für die theoretischen Grundlagen und das einzigartige Menschenbild, das den Liberalismus ausmacht. Nur wenn wir dies wieder verinnerlichen, kann die FDP als organisierte Struktur des Liberalismus nicht nur überleben, sondern auch langfristig wieder gestalten.
Freiheit als Fundament: Ein Missverständnis aufklären
Der Liberalismus wurzelt tief im Konzept der negativen Freiheit – dem Recht des Individuums, vor staatlicher Bevormundung und gesellschaftlichem Zwang geschützt zu werden. Dieses Prinzip bildet das Fundament unserer Überzeugungen. Doch Freiheit ist vielschichtiger. Die positive Freiheit ergänzt den negativen Freiheitsbegriff, indem sie die Möglichkeit zur Selbstverwirklichung und aktiven Teilnahme am gesellschaftlichen Leben betont. Diese doppelte Freiheitskonzeption ist kein Widerspruch, sondern der Kern dessen, was Liberalismus wirklich bedeutet.
Auch wenn der negative Freiheitsbegriff das Herzstück unserer Ideologie bleibt, betonte John Stuart Mill, dass Freiheit nicht nur die Abwesenheit von Zwang ist, sondern auch die Fähigkeit zur Selbstbestimmung. Ralf Dahrendorf führte diesen Gedanken weiter, indem er argumentierte, dass Freiheit strukturelle Voraussetzungen braucht, damit sie für alle real erfahrbar ist. Wer Liberalismus nur als „weniger Staat“ versteht, verkennt, dass echte Eigenverantwortung auch von Chancen, Bildung und sozialer Mobilität abhängt.
Warum die theoretische Fundierung des Liberalismus überlebenswichtig ist
Die Stärke des Liberalismus liegt in seinem Menschenbild: Dem Vertrauen darauf, dass der Einzelne sein Leben selbstbestimmt gestalten kann, wenn ihm dafür die richtigen Rahmenbedingungen zur Verfügung stehen. Doch dieses Menschenbild gerät in Gefahr. Ohne eine klare ideologische und theoretische Grundlage droht der Liberalismus zu einer beliebigen politischen Position zu verkommen – wahlweise interpretiert als bloßer Wirtschaftsliberalismus, als „Bürgerrechtsbewegung“ oder als Mischung aus beidem, ohne tiefere Fundierung.
Aktuell sehen wir, wie SPD und CDU, ehemals Hüter der Schuldenbremse, diese aufweichen. Die Änderung des Grundgesetzes zur Lockerung der Schuldenbremse für Verteidigungsausgaben und die Einrichtung eines 500-Milliarden-Euro-Sondervermögens für Investitionen in die Infrastruktur werfen Fragen auf. Diese Maßnahmen bringen langfristige finanzielle Belastungen mit sich und stehen im Widerspruch zu früheren Versprechen einer strikten Haushaltspolitik.
Diese finanzpolitische Kehrtwende erschüttert nicht nur das Vertrauen in die politischen Akteure, sondern gefährdet auch die finanzielle Stabilität Deutschlands und Europas.
Der organisierte Liberalismus als Schutzraum der Idee
In diesem Kontext wird die FDP als institutionelle Struktur des Liberalismus wichtiger denn je. Sie ist mehr als eine Partei – sie ist der organisatorische Ausdruck einer geistigen Strömung, die ohne eine starke institutionelle Basis Gefahr läuft, aus der politischen Landschaft zu verschwinden. Doch um diese Rolle auszufüllen, braucht sie eine programmatische Klarheit, die sich aus der Theorie speist.
Die liberale Bewegung muss sich daher intensiv mit ihrem eigenen ideologischen Erbe auseinandersetzen. Lesekreise, Schulungen und tiefgehende theoretische Debatten sind keine intellektuellen Spielereien, sondern überlebenswichtige Maßnahmen, um den Liberalismus gegen seine Gegner zu verteidigen – und gegen die schleichende Erosion seiner eigenen Grundlagen.
Die Verantwortung unserer Generation
Die Aufgabe, den Liberalismus nicht nur politisch, sondern auch geistig zu verteidigen, liegt nicht allein bei etablierten Parteistrukturen oder altgedienten Funktionären. Sie ist eine Aufgabe für uns alle – insbesondere für die Studierenden und akademischen Nachwuchskräfte, die sich mit diesen Fragen intensiv auseinandersetzen.
Wenn der Liberalismus überleben soll, müssen wir ihn verstehen. Wenn er wieder gestärkt werden soll, müssen wir ihn leben. Und wenn die FDP ihn als organisierte Struktur bewahren soll, dann braucht sie eine klare ideologische Basis, die nicht nur auf kurzfristigen Wahlerfolgen beruht, sondern auf einer tiefen Verwurzelung in den Werten, die ihn von Anfang an geprägt haben.
Unsere Antwort auf die Krise des Liberalismus kann daher nur lauten: Zurück zu den Grundlagen. Zurück zu den ideologischen Wurzeln. Zurück zu einem Freiheitsbegriff, der sowohl negativ als auch positiv gedacht wird. Denn nur so kann die liberale Idee wieder die Kraft entfalten, die sie verdient.

Caroline Scherb
Caroline Scherb ist 25 Jahre alt und studiert Politikwissenschaften und Philosophie an der Goethe Universität Frankfurt. Sie ist stellvertretende Vorsitzende für Presse und Öffentlichkeitsarbeit im Bundesverband der Liberalen Hochschulgruppen und Kreisvorsitzende der Jungen Liberalen in der Region Offenbach. Zudem engagiert sie sich aktiv bei der FDP Offenbach Land. In ihrer Freizeit widmet sie sich der Musik und geht gerne wandern.



