Korea – ein Land im dauerhaften Kriegszustand von Rainer Matheisen

LP 1/2025 | Rainer Matheisen

Wer an das moderne Korea denkt, dem kommt heutzutage vieles in den Sinn: K-Pop und K-Drama, Technologie und Digitalisierung, Kimchi und Bibimbap. Auch wenn hin und wieder ein seltsam anmutender Diktator im Nordteil der Halbinsel auf Dinge zeigt oder mit dem Zug nach Moskau fährt, sind die fortwährenden Spannungen zwischen den beiden koreanischen Staaten kein großes Thema in unseren Gefilden. Dass sich das Land seit über 70 Jahren faktisch im Kriegszustand befindet und sich aktuell keine Änderung dieser Situation abzeichnet, ist im 8.500 Kilometer Luftlinie entfernten Deutschland nicht vielen Menschen bewusst. Doch was sind die historischen Ursachen und gibt es vielleicht doch Hoffnung nach dem Vorbild des wiedervereinigten Deutschlands?

Ein Blick zurück zeigt, wie sehr die koreanische Bevölkerung in den vergangenen Jahrhunderten unter Besatzung gelitten und wie häufig das Land Spielball verschiedenster Interessen war. Zumeist waren Japan, China und die Mongolei mit teilweise blutigen und brutalen Überfällen bestrebt, Einfluss auf die Halbinsel zu erlangen und zu wahren oder diese in das eigene Herrschaftsgebiet mit einzubeziehen.

1945 Eigenständigkeit erreicht

Zuletzt war Korea bis in die 1940er Jahre Teil des so genannten „großjapanischen Wirtschaftsraums“ und somit Teil der japanischen Kriegswirtschaft. Millionenfache Ausbeutung von Arbeitssklaven und Zwangsprostitution sorgten für tiefe Wunden in der koreanischen Bevölkerung, die auch bis heute nicht alle geschlossen sind. Dabei wurde bewusst der Bildungsstand der Koreanerinnen und Koreaner niedrig gehalten und Korea als Agrarwirtschaft genutzt, um die japanische Bevölkerung in Kriegszeiten zu ernähren. Erst mit der japanischen Kapitulation am 15. August 1945 wurde Korea als eigenständiger Staat etabliert, der jedoch aufgrund der Uneinigkeit zwischen den Vereinigten Staaten und der Sowjetunion zwei Jahre später in einen Nord- und einen Südteil aufgespalten wurde.

Im Jahr 1950 begann der Koreakrieg zwischen den beiden Landesteilen, der in seiner aktiven Form bis in das Jahr 1953 andauern sollte. Eine wichtige Rolle spielte dabei die Äußerung des damaligen amerikanischen Außenministers Dean Acheson zu Beginn des ersten Kriegsjahres, der  die Verteidigung Südkoreas durch die Vereinigten Staaten im Falle eines Angriffs als unwahrscheinlich darstellte. Dies wurde von Seiten Nordkoreas und der Sowjetunion als Einladung verstanden, einen Überfall auf den Südteil der Halbinsel mit dem Ziel der kompletten Eroberung und Wiedervereinigung unter kommunistischer Herrschaft zu unternehmen. Ein weiterer wichtiger Baustein, der zum Beginn der Kriegshandlungen führte, war die Unterschrift unter einen Freundschaftsvertrag mit China. Dieser brachte Stalin zu der Erkenntnis, dass auch China ein solches Unterfangen mit eigenen Truppen unterstützen würde. Das traurige Resultat waren insgesamt 4,5 Millionen Tote während der aktiven Kriegshandlungen.

Gefährlich für Südkorea: Trump hat Sympathien für Kim Jong-Un

Bis zum heutigen Tag befindet sich das geteilte Korea immer noch im Kriegszustand, da der eigentliche Koreakrieg im Jahr 1953 nur mit einem Waffenstillstand endete. Die USA lernten zunächst aus ihrem großen Fehler mangelnder Unterstützung für die Südkoreaner und stationierten rund 30.000 Soldaten dauerhaft vor Ort in Form der „United States Forces Korea“. Diese seit über 70 Jahren währende Zusammenarbeit ist nun jedoch aufgrund der Wahl Donald Trumps in Gefahr. Zwar hat die Biden-Administration aufgrund der Ankündigungen des mittlerweile gewählten damaligen republikanischen Präsidentschaftskandidaten genau einen Monat vor Donald Trumps Wahl die Vereinbarung zur dauerhaften Präsenz in Form eines fünfjährigen Abkommens erneuert, nachdem dieser im Wahlkampf die Unterstützung Südkoreas in Frage gestellt hatte. Jedoch stellte der amtierende US-Präsident bereits direkt nach Amtsantritt seine Sympathien für Nordkorea offen zur Schau. Nachdem Donald Trump bereits in seiner ersten Amtszeit mehrfach mit dem nordkoreanischen Diktator Kim Jong-Un zusammentraf, äußerte er im Januar 2025 offen seine Sympathien für ihn. Auch der neue amerikanische Außenminister Marco Rubio kündigte eine Neuausrichtung der Nordkorea-Politik an und erkannte das Land erstmals als Atommacht an.

Eine solche Änderung der bisherigen Linie birgt die Gefahr eines erneuten Kriegsausbruchs, zumal sich das Verhältnis zwischen den beiden Landesteilen sich zuletzt weiter verschärft hatte. Die kurzfristige und überraschende Verhängung des Kriegsrechts durch den mittlerweile abgesetzten Präsidenten Yoon im Dezember 2024 muss vermutlich eher im innenpolitischen Kontext betrachtet werden; zudem wurde das Kriegsrecht ebenso kurzfristig auf Druck des gewählten Parlaments – einschließlich der Regierungsabgeordneten – wieder aufgehoben.

Provokationen aus dem Norden

Bei diesem Vorgang sollte zudem bedacht werden, dass die Republik Korea erst seit 1990 tatsächlich eine richtige Demokratie ist und für diesen relativ kurzen Zeitraum der Erfahrungen mit der Gewaltenteilung das System der „Checks and Balances“ gut funktioniert hat. Vielmehr bergen die vielfältigen Aktivitäten Nordkoreas im militärischen Bereich die Gefahr, dass es zu aktiven Kriegshandlungen kommen könnte. Mag die Übersendung von so genannten „Müllballons“ – die auch Fäkalien beinhalten – auf den ersten Blick lächerlich erscheinen, so sind sie doch ein Teil der Kriegsführung durch kleine Nadelstiche. Zahlreiche Atom- und Raketentests sollen Stärke und Angriffsbereitschaft signalisieren und diese auch als Teil der Propaganda in das eigene Land hineinwirken lassen.

Allergrößten Anlass zur Sorge gibt jedoch die immer intensivere Zusammenarbeit Nordkoreas mit Russland in den vergangenen Jahren. So war der Besuch des nordkoreanischen Diktators Kim Jong-Un in Moskau zum so genannten „Schurkengipfel“ nur der Beginn einer zunehmend intensiven Zusammenarbeit zwischen den beiden Ländern. Im Juni 2024 folgte ein Gegenbesuch des russischen Präsidenten Wladimir Putin in Pjöngjang. Dabei schlossen Nordkorea und Russland einen Partnerschaftsvertrag ab, der eine gegenseitige militärische Beistandsverpflichtung beinhaltete. Man prägte den Begriff der „unbesiegbaren Freunde“, woraufhin Nordkorea massive Militärhilfe im Krieg gegen die Ukraine lieferte. Insgesamt 8.600 Panzerhaubitzen und Feldhaubitzen, 5.500 Raketenwerfer und bis zu drei Millionen Artilleriegeschosse wurden geliefert; zudem werden unzählige nordkoreanische Soldaten seither im Kampf gegen die Ukraine eingesetzt. Dass eine solche Unterstützung keine Gegenleistung nach sich zieht, erscheint unwahrscheinlich. So gibt es einen Know-How-Transfer Russlands für das nordkoreanische Atomwaffenprogramm, aber auch Komponenten für die Waffensysteme werden zur Verfügung gestellt. So besteht die reale Gefahr, dass – auch aufgrund des offensichtlichen Desinteresses der neuen US-Administration an der Unterstützung Südkoreas – der militärische Konflikt wieder neu entflammen könnte.

Wiedervereinigung Koreas bleibt offen – wenn auch im Süden umstritten

Aber auch wenn die Situation aktuell so kritisch wie lange nicht mehr ist: Die Möglichkeit einer Wiedervereinigung wird in Korea seit vielen Jahren immer wieder neu diskutiert. Anfang der 2000er-Jahre versuchte der langjährige Oppositionelle und 1998 zum Präsidenten gewählte Kim Dae-Jung, durch politische und wirtschaftliche Annäherung im Rahmen der so genannten „Sonnenscheinpolitik“ eine Wiedervereinigung im Dialog zu erreichen. Obgleich er für diese Aktivitäten mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet wurde, scheiterten seine Initiativen. So wurden Fabriken südkoreanischer Unternehmen in einer Sonderwirtschaftszone innerhalb kurzer Zeit von Nordkorea wieder geschlossen oder für eigene Zwecke enteignet.

Dies führte innerhalb der koreanischen Gesellschaft zu intensiven Diskussionen über die Sinnhaftigkeit einer Wiedervereinigung. Auch die Erfahrungen der wiedervereinigten Bundesrepublik mit fehlender Dynamik in der wirtschaftlichen Entwicklung aufgrund der hohen Kosten der Überwindung der Teilung Deutschlands trug nicht dazu bei, dass sich die südkoreanische Bevölkerung für eine ähnlichen Weg Koreas begeistern konnte. Vielmehr bestand die Sorge vor einem Wohlstandsverlust; so hat sich doch der südliche Landesteil seit dem Ende des Korea-Kriegs mit viel Fleiß und Arbeitszeiten, bei denen jeder deutsche Gewerkschaftssekretär einen Generalstreik ausrufen würde, von einem der ärmsten Länder der Welt zu einer der führenden Industrienationen entwickelt. Deshalb bleibt zu hoffen, dass gerade trotz der massiven Propaganda im Norden des Landes die dortige Bevölkerung erkennt, dass Demokratie und gesellschaftliche und ökonomische Freiheit einen Wert darstellen, für den es sich zu kämpfen lohnt und die südkoreanische Bevölkerung diesen Weg unterstützt.

Rainer Matheisen

Rainer Matheisen

Rainer Matheisen (*1980) ist Immobilienmarktanalyst und Honorarkonsul der Republik Korea. Nach Abschluss der kaufmännischen Ausbildung und einer Unternehmensgründung war er in der Studienzeit (Germanistik und Politikwissenschaften) AStA-Vorsitzender an der Heinrich-Heine-Uni Düsseldorf. Er war sieben Jahre lang Ratsherr der Landeshauptstadt Düsseldorf und fünf Jahre Mitglied des Landtags Nordrhein-Westfalen und Obmann für Innovation und Digitalisierung.