World: A Familiy History von Simon Sebag Montefiore
LP 1/2025 |Dr. Burkhard Luber
Jonathan Eig legt seine Biografie mit dem Anspruch vor, sie solle keine Ikonographie sein. Eig will King aus der verklärenden Ecke eines Heiligen herausholen und den Menschen M. L. King in den Vordergrund stellen. Basierend auf einer Vielzahl bisher nicht ausgewerteter Quellen, u.a. auch Akten des FBI, ist diese Biografie ein sehr umfassendes Werk.
Eig bringt uns mit zuweilen atemberaubender Präzision das Leben Kings nahe, gerade auch seine Ängste, Verzweiflung und Ärger. Hier wird kein Loblied auf einen Helden gesungen, sondern das Porträt eines Menschen mit seinen Begrenztheiten und Schwächen gezeichnet. Natürlich führt Eig die wichtigsten Stationen in Kings Leben auf. Aber diese Kapitel zeigen uns keinen fern entrückten Menschen auf seinem Weg zur Legende, sondern bringen ihn uns nahe als Mensch mit all seinen Zweifeln und Widersprüchen und auch mit all seiner Müdigkeit.
Im Kontrast zu diesem Mut Kings, seinem christlichen Engagement, seinem Respekt vor seinen Gegnern und seiner strikten Gewaltlosigkeit (die keineswegs Passivität bedeutete) als Richtschnur für all sein Handeln schildert Eig auch die Gegenseite: Der Hass weißer Fanatiker, die Überwachung Kings durch das FBI, die Gegenmacht der Medien. Eig scheut sich auch nicht, schwierige Facetten in Kings Leben anzusprechen, zum Beispiel seine Beziehungen zu Frauen oder die Plagiate in Kings Dissertation.
Eigs große Begabung als Biograph von King liegt darin, dass er seine Darstellung mit wechselnden Schwerpunkten ordnet: Das Mitreißende von Kings Ansprachen, seine Gefängnisaufenthalte, der thematische Übergang in Kings Engagement vom Kampf gegen die Rassentrennung zu seinem Kampf gegen den Vietnamkrieg. Oft geht Eig auch ins Detail, um Kings Leben möglichst plastisch anschaubar zu machen.
Auf den ersten Blick mag ein Buch mit über 700 Seiten abschreckend wirken; aber die wechselnden Perspektiven im Stil des Autors machen auch die Lektüre einzelner Kapitel zu einem Gewinn. In ihnen wird deutlich, was King einmal so formulierte: „Da wurde mir klar, dass es nichts Majestätischeres gibt als den entschlossenen Mut von Individuen, die bereit sind, für ihre Freiheit und Würde zu leiden und Opfer zu bringen.“
Eigs Biografie ist monumental. Es präsentiert viele Details aus Kings Leben und Werk, ohne sich in ihnen zu verlieren. Immer bleibt für Eig der Mensch King im Blick, oft in bewundernswerter Weise, manchmal auch sehr ernüchternd, aber immer ehrlich. Eig hat in diesem Buch seinen Anspruch eingelöst, keine Heiligenlegende zu entwerfen. So endet das Buch zu Recht mit der Aufforderung Eigs „den komplizierten King anzunehmen, den mit Makeln behafteten King, den menschlichen King, den radikalen King.“
Jonathan Eig: Martin Luther King – Ein Leben.
DVA, 2024, 752 Seiten, 34€

Dr. Burkhard Luber
Dr. Burkhard Luber studierte Politikwissenschaft, Geschichte und Philosophie. Promoviert wurde er in Friedensforschung. Derzeit ist er Dozent für Internationale Politik, Redakteur der Zeitschrift „Das Milieu“ und Mitarbeiter beim Empowerment Programm von Wedu in Südostasien. Der Fokus seiner Arbeit liegt auf internationalen Krisengebieten.



