Nur wer sich verändert, bleibt sich treu
Standortbestimmung und Ausblick nach 70 Jahren Verbandsgeschichte, Teil 1
LP 2/2025 | Alexander Bagus
Feierlich haben wir im Februar 2025 den 70. Geburtstag des VLA mit einem Festakt in Bonn begangen. Die Anzahl der Gäste, die akademische Festrede von Prof. Dr. Ulrike Ackermann und die anschließende Debatte über die Wissenschaftsfreiheit in Deutschland standen unserem Verband gut zu Gesicht. Doch neben der Würdigung der Leistungen derer, die diesen Verband gegründet und geprägt haben, sowie der Beleuchtung drängender Fragen des Zeitgeists fehlt noch die Auseinandersetzung mit der eigenen Zukunft. Dies wird nun an dieser Stelle in einem zweiteiligen Essay nachgeholt. Dabei soll es zuerst um unsere Identität und Auftrag als VLA gehen sowie um die verschiedenen Generationen und deren Wandel. Der zweite Teil fokussiert sich so dann auf liberale Bildung und Haltung sowie Fragen nach Netzwerk, Öffentlichkeit und digitaler Zukunft, bevor wir mit Selbstkritik und Zukunftsbildern final schließen.
Identität und Auftrag des VLA
Als im Kern ehemalige liberale Studentinnen und Studenten unterstützen wir die Liberalen Hochschulgruppen, ihre Landesverbände und ihren Bundesverband. Uns verbinden gemeinsame bis sehr ähnliche Erfahrungen, unsere liberalen Werte und unsere Verbundenheit mit den Liberalen Hochschulgruppen. Die Auseinandersetzung mit aktuellen und anspruchsvollen Themen aus akademisch-liberaler Betrachtung kommt dabei nicht zu kurz. Doch entscheidender ist, was daraus wächst: Lebenslange, generationenübergreifende Freundschaften, in denen gestritten werden kann, darf und muss. Damit öffnen wir uns allen, welche die liberale Idee teilen, auch wenn sie selbst nie Teil einer Hochschulgruppe waren.
Wir sind für die liberale Studentenschaft ein Ankerpunkt – mit niedrigschwelliger Förderung, offenem Ohr und ehrlichem Interesse. Zugleich geben wir unseren Mitgliedern die Möglichkeit zu individuellem, flexiblem und auch temporärem Engagement – verbunden mit der Verlässlichkeit eines gewachsenen, liberalen Netzwerks.
Diese Ausrichtung auf die liberale Studentenschaft sowie die Herzlichkeit macht den VLA zu einem ganz besonderen Verband, der ihn von allen anderen liberalen Organisationen unterscheidet. Hier finden Liberale einen Ort, an dem sie nicht zwischen allen Stühlen sitzen – ob mit oder ohne Parteibuch.
Bereits 1967 haben wir den Begriff „Akademiker“ nicht mit einem formell akademischen Abschluss verbunden, als wir jemanden ohne Hochschulabschluss zum Präses wählten: Wolfgang Schollwer. Es geht vielmehr um einen Selbstanspruch – um die Geisteshaltung, in Debatten nicht an der Oberfläche stehen zu bleiben, sondern tiefer zu bohren. Ein Diplom, ein Master oder eine Dissertation sagen wenig über die tatsächliche Haltung eines Menschen aus. Deshalb sind bei uns schon Studierende willkommen, ebenso wie Menschen, deren Lebensweg keinen Hochschulabschluss zuließ. Diese Offenheit müssen wir uns jedoch immer wieder bewusst machen, wenn wir auch jenseits klassischer akademischer Laufbahnen anschlussfähig bleiben wollen.
Gerade weil der VLA aus gemeinsamen Erfahrungen und offenen Debatten lebt, steht er heute vor der Frage, wie diese Gemeinschaft auch in einer neuen, digitaleren und vielfältigeren liberalen Generation weitergetragen werden kann.
Generationen und Wandel
Diese Offenheit ist zugleich Voraussetzung und Herausforderung: Sie verbindet Generationen, die in ganz unterschiedlichen gesellschaftlichen und akademischen Realitäten sozialisiert wurden. Der VLA lebt davon, dass Erfahrungen weitergegeben und Perspektiven ausgetauscht werden – nicht als nostalgischer Rückblick, sondern als gemeinsamer Lernprozess zwischen den Generationen.
Unsere Veranstaltungen sind daher integrativ und bringen Menschen zwischen (grob) 19 und 99 zusammen. Jugend und Alter sind für uns keine Hemmschwellen, sondern Bereicherung: Erfahrung gepaart mit Kreativität und frischen Ideen, das macht uns aus.
Wir merken allerdings auch: Mehr digitale Events bedeuten nicht mehr Verständnis füreinander und mehr Bereicherung. Echte Begegnung, gemeinsames Erleben, das Gefühl, Teil einer Gemeinschaft zu sein – all das entsteht vor allem in Präsenz. Hierfür schaffen wir mit unseren „Freistunden“ (abends unter der Woche), „Freizeiten“ (am Wochenende) und dem Pfingstseminar Räume, in denen Erfahrungen weitergegeben und Perspektiven geteilt werden können
Dennoch bieten digitale Formate wie Diskussionsrunden Chancen: Sie ermöglichen jungen Menschen einen niedrigschwelligen Zugang und inhaltliche Beteiligung – unabhängig von Wohnort oder Studienort. Die Kunst liegt darin, beides zu verbinden.
Gleichzeitig haben wir unser Präsidium so aufgestellt, dass wir die studentischen Interessen berücksichtigen können. Mindestens ein Mitglied ist selbst immer noch immatrikuliert und der bzw. die Bundesvorsitzende der Liberalen Hochschulgruppen ist ständiger Gast. Damit leben wir in der Verbandsführung generationenübergreifende Integration. Mit unserem Magazin „Liberale Perspektiven“ bieten wir zudem den Jüngeren eine Plattform für ihre Ideen und Inhalte. Auch jedes zweite Pfingstseminar beruht auf Vorschlägen von Studentinnen und Studenten der Liberalen Hochschulgruppen. Kommunikation auf Augenhöhe ist dabei das A und O.
Doch ist das genug? Müssen wir uns hier neu aufstellen? Welche neuen Formate oder Partizipationsmöglichkeiten gibt es, deren Potenzial wir für uns nutzen können? Das gilt es mit den Liberalen Hochschulgruppen stetig aufs Neue auszuloten – damit wir den Anschluss aneinander nicht verlieren und unser Verband auch in Zukunft lebendig bleibt.

Alexander Bagus
Alexander Bagus ist Jahrgang 1983, Geburtsstadt München, und deutlich süddeutsch geprägt. Er hat von 2006 bis 2010 in Würzburg Neuere und Neueste sowie Mittelalterliche Geschichte und Öffentliches Recht studiert und als Magister Artium abgeschlossen. Beruflich ist er bei der Bundeswehr tätig. Seit 2017 steht er dem Verband liberaler Akademiker als Präses vor.



