Liberalismus, Hochschulbildung und Europa

AUS DER LHG

LP 2/2025 | Leon Hebeisen

Der Bundesverband der Liberalen Hochschulgruppen (LHG) ist sich gewiss: Liberalismus gehört auch in die Hochschulpolitik – und zwar auf europäischer Ebene.

Ein aktuelles Beispiel kann dabei inspirieren: In Argentinien propagiert Präsident Javier Milei einen radikalen Marktliberalismus. Zwar definiert er sich als Verfechter klassischer Freiheiten – in seiner Amtsantrittsrede zitierte er das Credo: „Liberalismus ist der uneingeschränkte Respekt vor dem Lebensprojekt anderer, basierend auf dem Prinzip der Nicht-Aggression und der Verteidigung von Leben, Freiheit und Privateigentum“. Doch seine Politik zeigt, wie sehr radikale Austerität Konflikte im Bildungsbereich schürt. Im Herbst 2024 etwa stoppte Milei per Veto ein Gesetz, das dringend benötigte Gehaltsanpassungen für Universitätsprofessoren angesichts einer Inflation von über 200 Prozent vorsah.

Diese Entscheidung stieß auf massiven Widerstand: Sie löste die größten Studentenproteste seit seinem Amtsantritt aus, denn in Argentinien gilt die kostenlose Hochschulbildung als essenzielles Sozialgut. Milei ging sogar so weit, Universitäten pauschal als „linksradikale Indoktrinationslager“ zu bezeichnen, und versprach, den Staatseinfluss durch Audits zu bekämpfen – zumindest offiziell will er das staatliche Gratis-Bildungssystem bewahren, gleichzeitig aber Korruptionsverdacht aufklären.

Der Staat soll ermöglichen, nicht ersetzen

Liberalismus ist nie bloß Markt, sondern immer auch Bildung, Kultur und Wissenschaft. Denn nur gebildete Bürgerinnen und Bürger können Freiheit mit Vernunft nutzen. Für uns in Europa heißt das: Wir müssen die Hochschulen als Orte begreifen, an denen Freiheit gelernt, gelebt und verteidigt werden kann. Eine liberale Hochschulpolitik bedeutet, den Staat zu verschlanken, nicht zu vernachlässigen: Er soll ermöglichen, nicht ersetzen.

Demgegenüber steht Europas bisherige, grundlegend liberale Hochschulpolitik: Sie setzt nicht auf Abschottung, sondern auf Kooperation. Bereits 2017 rief Frankreichs Präsident Emmanuel Macron in seiner Sorbonne-Rede dazu auf, „europäische Universitäten“ zu schaffen – „Netzwerke von Universitäten, in denen Studierende im Ausland studieren und Kurse in mindestens zwei Sprachen belegen“. Europa als Idee bedeutet gerade, Grenzen zu überwinden. 2024 betonte Macron erneut, dass unser Kontinent einen besonderen „europäischen Humanismus“ verteidigen müsse. Jenseits aller Institutionen sei es gerade „das Wissen, die Kultur und die Wissenschaft“, in denen unsere Bürger geprägt würden – und genau das gelte es zu schützen. Diese Vision entspricht unserem liberalen Verständnis: Bildung und Forschung entfalten ihr volles Potenzial nur in Freiheit und im Austausch.

Macrons Vision ist ambitioniert, aber sie steht erst am Anfang. Noch sind die „Europäischen Universitäten“ vor allem ein politisches Versprechen – die Realität an vielen Hochschulen ist von Bürokratie, nationalen Akkreditierungsgrenzen und mangelnder Finanzierung geprägt. Doch gerade diese Hürden sollten Liberale als Ansporn begreifen: Wir müssen die strukturellen Bremsen lösen, die Innovation und Kooperation behindern. Wenn Europa ein Kontinent der Ideen bleiben will, müssen wir mehr wagen – mehr Mobilität, mehr Wettbewerb, mehr Freiheit für Forschung und Lehre.

Einbindung aller zentralen Partner im europäischen Forschungsraum

Ein aktuelles Belegstück sind die European Universities Alliances. Mittlerweile wurden – auf Macrons Aufruf hin – über 60 Allianzen mit mehr als 560 Hochschulen eingerichtet. Diese Allianzen sind wie „Labore der Zusammenarbeit“ – sie überwinden nationale Grenzen und entwickeln gemeinsame Studiengänge und Forschungsprojekte. In solchen Bündnissen lernen Studierende europaweit voneinander und forschen vernetzt. Auch die Allianzen berichten, dass durch gemeinsame Bachelor-Programme länderübergreifend anerkannte Abschlüsse entstehen, die einst undenkbar schienen. Und Experten teilen uns mit: Für echten Fortschritt müssen wir alle relevanten Partner einbinden – etwa Großbritannien und die Schweiz, die zentral im europäischen Forschungsraum sind. Genau das fordern wir als Liberale Hochschulgruppen: Großbritannien, die Schweiz, EU-Beitrittskandidaten und die Staaten der Östlichen Partnerschaft sollen als Programmländer in Erasmus+ integriert werden.

Die LHG setzen sich daher konkret für mehr Mobilität und Austausch ein. In unserem Programm heißt es: Wir wollen das Erfolgsprogramm „Erasmus+“ weiterentwickeln, um interkulturelle Verständigung, wissenschaftliche Exzellenz und Bildungsgerechtigkeit zu fördern. Wir schlagen ein neues „Erasmus+ Science“ vor, das auch Doktorandinnen, Doktoranden sowie Habilitierenden Mobilität ermöglicht. Behördenprozesse müssen wir liberalisieren: Förderanträge sollen entbürokratisiert, digital bearbeitet und an die Lebenshaltungskosten im Gastland angepasst werden. Außerdem wollen wir die Austauschformate flexibilisieren: Studierende sollen wählen können zwischen kurzen Programmen (z. B. Summer Schools) bis hin zu mehrjährigen Auslandsaufenthalten, je nach Studienplanung und privaten Verpflichtungen. Praktika und internationale Projektreisen gehören ebenfalls dazu; selbst digitale Hochschulkooperationen sollten Teil des Portfolios sein. All das steht für uns im Sinne eines liberalen Menschenbilds: Der Staat schafft Rahmenbedingungen, damit junge Akademiker selbstbestimmt lernen, forschen und Grenzen überschreiten können.

Ein europäischer Bildungsraum kann nur dann liberal sein, wenn er allen offensteht. Es darf keine Frage des Passes oder der finanziellen Mittel sein, ob jemand internationale Bildungserfahrungen sammeln kann. Deshalb kämpfen wir Liberalen Hochschulgruppen auch für eine faire soziale Ausgestaltung von Austauschprogrammen. Förderhöhen müssen realistisch an Lebenshaltungskosten angepasst werden, digitale Lernangebote barrierefrei sein und Anreize für Kooperationen mit außereuropäischen Partnern geschaffen werden – etwa im globalen Süden. Europa darf sich  nicht selbst genügen, sondern muss zur Brücke zwischen den Wissensgesellschaften der Welt werden.

Vision von europäischen Hochschulnetzwerken als Blaupause

Wir sind überzeugt: Liberalismus braucht Hochschulbildung und diese sollte europäisch gedacht werden. Ein freier Geist gedeiht nicht hinter Schranken. Statt wie in Argentinien auf nationale Sparprogramme zu setzen, sollten Liberale in Europa auf Offenheit und Kooperation bauen. Das bestätigt sich in Macrons Worten und unseren Forderungen. Die geteilte Vision von europäischen Hochschulnetzwerken sehen wir als Blaupause: Sie steht für Bildung im Austausch und Exzellenz durch Vielfalt. Unser Engagement für Erasmus+ und Hochschulallianzen folgt genau dieser Philosophie. Wir befürworten Wettbewerb um Qualität (Exzellenzinitiative, Eliteprogramme), aber auch Vielfalt und Inklusion (Studierende aus verschiedenen Ländern, flexible Programme).

Wir stehen an einem Scheideweg: Entweder wir verharren in nationalen Routinen und bürokratischen Zwängen – oder wir nutzen die Chance, Hochschulbildung zum Motor eines neuen europäischen Liberalismus zu machen. Gerade an Universitäten entscheidet sich, welche Werte die nächste Generation prägen wird: Offenheit statt Abschottung, Vernunft statt Populismus, Verantwortung statt Bevormundung.

Als Liberale Hochschulgruppen sehen wir uns in dieser Verantwortung. Wir wollen den europäischen Bildungsraum weiterdenken – mutig, vernetzt und frei. Denn nur wo das Wissen frei ist, bleibt auch der Mensch frei.

Leon Hebeisen

Leon Hebeisen

Leon Hebeisen ist 21 Jahre alt und studiert Mathematik an der Justus-Liebig-Universität (JLU) Gießen. Neben seinem Studium engagiert er sich seit April 2024 in der LHG Gießen. Im Studierendenparlament und der Senatskommission Lehre der JLU sowie im Rahmen der europäischen Hochschulallianz EUPeace als stellvertretender Senator und Commissioner im dortigen Student Council vertritt er die Interessen der Studierenden. Anfang 2025 wurde er als Beisitzer für Organisation in den Bundesvorstand der LHG gewählt.

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