Ort und Thema führten uns in diesem Jahr hinaus aufs Land. In der idyllisch gelegenen Franken-Akademie im Schloss Schney in Oberfranken beschäftigten wir uns mit Perspektiven der Landwirtschaft und des ländlichen Raums zwischen Agrarkultur und industrieller Massenproduktion, wie es im Untertitel zu dem etwas plakativ klingenden Seminarthema hieß.

Den Einstieg in das Thema übernahm der Leiter der Akademie, Dipl.-Pol. Simon Moritz, selbst, indem er zunächst die Begriffe „Land“ und „ländlicher Raum“ genauer bestimmte. In Sinne der Raumplanung definierte er den „ländlichen Raum“ dadurch, dass er ihn als Siedlungsgebiet mit vergleichsweise geringer Dichte dem urbanisierten Raum gegenüberstellte.

Häufig klischeebeladenen Debatte

Doch wurde schnell klar, dass diese nüchterne Beschreibung kaum den Kern dessen trifft, was man gemeinhin mit dem Begriff „Land“ assoziiert. Anhand zweier Videos zeigte er die beiden Enden der häufig klischeebeladenen Debatte auf, zunächst anhand eines Beitrags des Satiremagazins Extra-Dry, dass das Bild vom öden Land, die Abwanderung der Jungen und Qualifizierten und Leerstand und Verfall parodierte und dann eines Imagevideos der Bundesregierung, das vermeintliche oder tatsächliche Vorteile des Landlebens gegenüberstellte, etwa den größeren sozialen Zusammenhalt in der Dorfgemeinschaft, den Erholungsfaktor in der Natur oder die geringen Baupreise, die für Familien wie Unternehmen gleichermaßen attraktiv seien.

Gerade hierin sah Moritz einen deutlichen Pluspunkt des ländlichen Raums, der junge Familien hinaus aus den Städten ziehe. Der Nachteil schlechterer Erreichbarkeit werde hingegen durch die Digitalisierung zunehmend wettgemacht. Zudem kehre durch private Initiativen wie Dorfläden Leben in die die Dörfer zurück. Den Abgesang auf „das Land“ mochte er daher nicht teilen.

Globalisierte Landwirtschaft

Am Samstag ging es dann um globale Fragen der Ernährung. Der durchaus kontroverse Film „We feed the World“ des österreichischen Filmemachers Erwin Wagenhofer stellte an verschiedenen Beispielen Entwicklungen und Zusammenhänge der modernen, globalisierten Landwirtschaft dar. Zunächst wurden anhand eines österreichischen Ackerbaubetriebs die stetige Steigerung der Betriebsgrößen und die damit einhergehenden Überschüsse bei der Getreideproduktion sowie die Vernichtung immenser Brotmengen illustriert. In Österreich werde, so hieß es, täglich ebenso viel Brot weggeworfen, wie in der gesamten Stadt Linz gegessen werde.

Am Beispiel der Herstellung von Tomaten im südspanischen Almeria wurde in einem nächsten Kapitel der Kreislauf von billig hergestellten Lebensmitteln aufgezeigt, die nicht nur quer durch die Europäischen Union reisten, sondern auch auf afrikanische Märkte gelangten, wo sie einheimische Produkte verdrängten. So leitete der Film zu den in ihrer Heimat arbeitslos gewordenen afrikanischen Landarbeitern über, die sich nun in den gigantischen Produktionsanlagen von Almeria als billige Arbeitskräfte verdingten und in armseligen Baracken hausten.

Problematik der Hybridsamen

Von Spanien ging es nach Rumänien, wohin der Film Karl Otrok begleitete, damals Produktionsdirektor des weltgrößten Saatgutherstellers Pioneer. Otrok verglich in kleinbäuerlichen Betrieben aus konventionellem Saatgut gezüchtetes Gemüse mit solchem, das aus Massenproduktion unter Verwendung von Hybridsamen stammt. Das Fazit zur Tätigkeit seines eigenen Unternehmens fiel dabei alles andere als positiv aus. Nicht nur Geschmack und Qualität litten unter der industriellen Produktion, auch bäuerliche Kultur und Eigenversorgung gingen in jedem neu erschlossenen Markt zwangsläufig unter. Der Slogan seines Arbeitgebers, „we feed the world“, der dem Film seinen Namen gab, erhielt in Otroks Be-trachtung einen resignierten Klang.

Ein weiteres Kapitel beschäftigte sich mit dem Anbau von Soja in Brasilien, für den riesige Flächen Regenwald vernichtet werden. Während der indigenen Bevölkerung vor Ort kaum Land und Ressourcen zur eigenen Versorgung blieben, werde das Soja nahezu vollständig exportiert, z.B. nach Europa, wo es in der Massentierhaltung als Futtermittel diene. Entsprechend leitete der Film zur Masthähnchenproduktion in Deutschland über.

Heftig und polemische Kritik

Neben teils schwer verdaulichen Bildern sorgten vor allem die Beiträge zweier Protagonisten für Gesprächsbedarf, die des UN-Sonderberichterstatters Jean Ziegler und des damaligen Nestléchefs Peter Brabeck. Ziegler kritisierte die globalisierte Ernährungswirtschaft heftig und polemisch und sah im Kapitalismus die Ursache der aufgezeigten Misstände. „Ein Kind, das heute hungert, wird ermordet“, lautete eine seiner Thesen, „Freihandel hat mit Freiheit nichts zu tun“ eine andere. Demgegenüber betonte Nestléchef Brabeck die Bedeutung der Großkonzerne für die globale Ernährung und ihre Rolle als Arbeitgeber von Millionen von Menschen. NGOs, die ein Recht auf Grundnahrungsmittel wie Wasser propagierten, widersprach er entschieden. Nur wenn ein Lebensmittel als
Handelsgut einen Preis habe, werde es auch wertgeschätzt.

Die in dem Film aufgeworfenen Fragestellungen konnten im Rahmen des Samstagvormittags naturgemäß längst nicht alle abgearbeitet werden, zumal die parteinehmende Darstellung nicht unwidersprochen blieb. Statt im großen Plenum fand die Diskussion in kleinen Arbeitsgruppen statt, die in jeweils zwei Schritten Probleme analysierten und mögliche Lösungen entwarfen. Dabei ging es sowohl um ökonomische Fragen, etwa das Für und Wider von Agrarsubventionen, Vor- und Nachteile von Hybridsaatgut oder die Betriebsgrößen landwirtschaftlicher Betriebe, als auch um ökologische, zum Beispiel den Landverbrauch.

Bildung, Bildung, Bildung

Als wesentlicher Faktor wurde letztlich der Verbraucher identifiziert, dessen Sehnsucht nach ländlicher Idylle nur schwer mit seinem Verlangen nach stetiger Verfügbarkeit und günstigen Preisen vertrage. Eine gewichtige Funktion wurde deshalb der Aufklärung und politischen Bildung zugewiesen. Wenn durch Unternehmen, Wissenschaft und Verbände in Familien und öffentlichen Einrichtungen von Kitas bis zu Seniorenheimen Aufklärung geleistet werde, könne der Konsument selbst entscheiden, welche Form der Landwirtschaft er letztlich wolle.

„Ist genug für alle da?“

Ebenfalls um Fragen globaler Ernährungswirtschaft ging es am Samstagnachmittag. Dr. Carolin Stange von der Universität Bamberg stellte die provokante Frage „Ist genug für alle da?“ und gab auch gleich die Antwort: „Im Prinzip schon. Aber nicht, wenn wir so weitermachen wie bisher.“ Sie stellte dabei auf den ungleichen Ressourcenverbrauch in entwickelten und unterentwickelten Staaten ab und problematisierte den Landraub. Gerade in korrupten und diktatorischen Systemen mache es die entschädigungslose Enteignung von Kleinbauern für diese un-möglich, als Produzenten am Markt teilzunehmen. Während das Land nicht selten durch Korruption in die Hände von Großproduzenten gelange, würden die ansässigen Kleinbauern in Armut und Abhängigkeit gedrängt. Stange sah verschiedene Strategien, diesem Problem zu begegnen. Neben einem bewussteren Kaufverhalten der Endverbraucher in den Ländern des Nordens sah sie aber auch den Staat in der Pflicht, der letzlich auch jenen Markteilnehmern mit einer „weak agency“ einen fairen Marktzugang garantieren müsse.

„Wie gut ist Bio wirklich?“

Am Sonntagvormittag ging es dann zurück in heimische Gefilde. Simon Holl, Landwirtschaftsmeister aus Schney und Inhaber der Firma Eggs-klusiv beschäftigte sich mit der Frage „Wie gut ist Bio wirklich? Chancen und Grenzen von ökologischer Landwirtschaft“. Neben einer Einführung in die Grundlagen der ökologischen Landwirtschaft mit ihren verschiedenen Labeln und Standards stellte er auch seinen eigenen Hühnerzuchtbetrieb vor und erläuterte, wieso er sich bewusst dagegen entschieden habe, auf Bio umzustellen und dennoch denke, dem Tierwohl dabei gerech-ter zu werden, als mancher Biobetrieb. Sein kompetenter und launiger Vortrag, in dem er sein Konzept eines mobilen Hühnerstalls vorstellte, machte dabei soviel Eindruck, dass sich manche Teilnehmer am Nachmittag zu einer Besichtigung vor Ort mit anschlie-ßendem Spontaneinkauf entschlossen.

Entscheidung des Verbrauchers

Ein eindeutiges Fazit ließ sich am Ende des Seminars nicht ziehen. Für ein eineinhalbtägiges Seminar war das Thema viel zu umfangreich. Doch ließ sich als Kernessenz festhalten, dass Bildung und Aufklärung – wie so oft – zentral seien, weil der Verbraucher eine immense Macht habe. Durch politische Entscheidungen und sein Kaufverhalten entscheide er selbst, was er auf dem Teller habe und wie es dorthin gelange. Dazu aber benötige Wissen über Abläufe und Zusammenhänge globalisierter Ernährungswirtschaft. Die Informationen stünden zur Verfügung, aber er müsse sie sich notfalls selbst aneignen, etwa durch Nachfragen beim örtlichen Händler oder eigene Recherchen im Internet.

Geselligkeit und Exkursion nach Mödlareuth

Neben der inhaltlichen Arbeit kam auch der gesellige Teil nicht zu kurz. In der Schloßschänke wurden wir bestens versorgt. Ebenfalls außerhalb des Seminarthemas, aber ganz sicher nicht weniger spannend, war die Exkursion nach Mödlareuth. In dem als „Klein-Berlin“ bekannt gewordenen, ehemals geteilten Dorf an der inner-deutschen Grenze erwartete uns eine eindrucksvolle, teils auch erschütternde Führung zu den Grenzanlagen, die auch knapp 30 Jahre nach dem Untergang der DDR nichts von ihrem Schrecken verloren haben. Auf der Rückfahrt nach Schney war die Stimmung ruhiger als gewohnt, doch fanden wir spätestens bei Abendessen zu gewohnter Lebhaftigkeit zurück. Der Appetit auf das leckere fränkische Essen war uns trotz des manchmal schwer verdaulichen Seminarthemas zum Glück nicht vergangen.